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Norwegen: Interview mit Dr. med. Reinhard
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"Mir gefiel das gut organisierte und strukturierte Arbeiten in der Klinik"
Über ihre Arbeit als Ärztin in Norwegen sprachen wir mit Christina Elisabeth Reinhard, die von 1998 bis 2003 in Norwegen zunächst als Gemeindeärztin (Kommunelege), später als Assistenzärztin am Universitätsklinikum in Bergen tätig war.

Medicus: Wie erfuhren Sie, dass in Norwegen Ärzte gesucht werden?

Dr. Reinhard: Ich hatte mich über verschiedene Länder informiert und vom Medical Placement Project (MPP) einen guten Eindruck gewonnen. Später lernte ich auch jemanden kennen, der bereits in Norwegen arbeitete.

Medicus: Wie hat Sie diese Organisation unterstützt?

Dr. Reinhard: Ich erhielt im Vorfeld Informationen zu den Arbeitsbedingungen, sowie drei Stellenvorschläge, die ich mir auf Kosten der potentiellen Arbeitgeber auch direkt vor Ort anschauen konnte. Dazu bezahlte das MPP einen dreimonatigen Intensivsprachkurs und die Lebenshaltungskosten in dieser Zeit. Sehr spendabel!

Medicus: Was bewegte Sie 1998 dazu, als Ärztin in Norwegen zu arbeiten?

Dr. Reinhard: Abenteuerlust! Außerdem war damals der Arbeitsmarkt in Deutschland für junge Ärzte katastrophal, so dass es nahe lag, sich woanders umzusehen. Ich wäre auch sehr gerne noch weiter weg nach Canada oder Alaska gegangen, doch das ist in Bezug auf Arbeitserlaubnis sowie Anerkennung der Examina viel schwieriger als innerhalb Europas. So entschied ich mich für Norwegen und arbeitete zunächst siebzehn Monate als Kommunelege. Danach war ich in zwei verschiedenen Kliniken in Bergen tätig.

Medicus: Was schätzten Sie am norwegischen Gesundheitssystem?

Dr. Reinhard: Sowohl Gemeinde- als auch Krankenhausärzte haben in Norwegen eine sehr geregelte Arbeitszeit und werden sehr gut bezahlt. Während meiner Tätigkeit in der Klinik gefiel mir vor allem das gut organisierte, strukturierte Arbeiten. Den Medizinern werden dabei viele Aufgaben abgenommen, die ein deutscher Stationsarzt selbst erledigen muss. So gibt es eine Stationssekretärin, die sich um das Besorgen von Befunden kümmert und Untersuchungstermine nachfragt. Das Pflegepersonal übernimmt auch viele Aufgaben, wie das Legen von Zugängen, Blutentnahmen, Medikamentgaben auch intravenös, das Anhängen von Antibiotika, usw. Zudem ist das Qualifikationsniveau des Pflegepersonals höher und die Besetzung besser, so dass man sich als Arzt viel mehr auf die Schwestern und Pfleger stützen kann. Dazu kommt in weitaus mehr Kliniken als in Deutschland ein sehr ausgefeiltes Datensystem, welches enorm hilfreich ist beim blitzschnellen Finden alter Krankenakten, Betrachten von Röntgenbildern am PC, Epikrisendiktat und der Kommunikation mit Kollegen.

Medicus: Wie gefiel Ihnen das Arbeitsklima in einem norwegischen Krankenhaus?

Dr. Reinhard: Der Umgang unter den Ärzten und mit dem Pflegepersonal ist sehr kollegial, die Hierarchien sind flacher. Man ist per Du, obwohl man manchen Vorgesetzten dabei noch mit dem Nachnamen anspricht.

Medicus: Wie sind Ihnen die Patienten begegnet?

Dr. Reinhard: Ganz überwiegend traten mir auch die alten Patienten, die den Zweiten Weltkrieg noch selbst miterlebt hatten, sehr freundlich und offen gegenüber.

Medicus: Gab es Probleme mit der Sprache?

Dr. Reinhard: Nein, überhaupt nicht. Norwegisch ist leicht zu lernen, und durch den dreimonatigen Sprachkurs war ich gut vorbereitet.

Medicus: Gab es auch etwas, das Sie als schwierig empfanden?

Dr. Reinhard: Problematisch war, mit den Menschen persönlich Kontakt zu bekommen. Norweger sind freundlich, doch reserviert und äußerst familienorientiert, was es schwer macht, Freunde und Bekannte zu gewinnen. Ich selbst kannte fast nur Ausländer aus aller Herren Länder. Diesen Punkt sollte man sich gut überlegen, bevor man alleine nach Norwegen geht! Im Norden soll es jedoch viel leichter sein, Anschluß zu bekommen.

Medicus: Wird Ihre Tätigkeit in den beiden norwegischen Kliniken für Ihre Weiterbildung in Deutschland anerkannt?

Dr. Reinhard: Im Prinzip wird die Ausbildung voll anerkannt (Ausnahmen: Radiologie und Nephrologie), doch manche Ärztekammern machen es einem schwer und verlangen sehr viele Nachweise. Man tut gut daran, sich schon im Vorfeld zu informieren! Wichtig für Assistenzärzte ist, dass man in Norwegen kaum Funktionen hat (vor allem wenig Ultraschall), welche nach der Rückkehr nach Deutschland dann nachgeholt werden müssen. Der in Norwegen erworbene Facharzt wird allerdings problemlos anerkannt.


Updated: 29. März 2004

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