Als begeisterter Skitourengeher und Höhenwanderer gehört das Herz von Matthias Ruppert privat eher den Bergen als dem Wasser. Er verfügt über umfangreiche Erfahrung mit Ertrinkungsopfern. Mit gerade einmal 36 Jahren blickt er auf mehrere Jahre in der Intensivmedizin und auf 18 Jahre in der Notfallmedizin zurück. Neben seiner Tätigkeit als Notarzt – auch in der Berg- und Luftrettung – forscht er im Bereich der kardiopulmonalen Reanimation und engagiert sich in der Aus- und Weiterbildung von ärztlichem und nichtärztlichem Rettungspersonal. Seit drei Jahren ist er „Bereichsleiter Medizin“ am neu gegründeten Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement (INM) am Klinikum der Universität München.
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Medicus: Herr Dr. Ruppert, was sind die häufigsten Fehler in der notfallmedizinischen Versorgung von Ertrinkungsopfern?Dr. Ruppert: Obwohl diese Maßnahmen eigentlich schon lange aus den Leitlinien verbannt wurden, muss immer noch betont werden, dass alle verzweifelten Versuche, Wasser aus den Lungen des Ertrinkungsopfers zu entfernen, zum Beispiel durch Anheben des Patienten am Becken, frustran bleiben werden, wertvolle Zeit konsumieren und im Falle von Begleitverletzungen sogar gefährlich sind. Der sofortige Beginn einer konsequenten Untersuchung und Behandlung der Atemwege, der Atmung und der Kreislaufsituation nach der „ABC-Regel" ist entscheidend für die Überlebenschance des Patienten.
Medicus: Mit welchen Komplikationen muss bei Ertrinkungsunfällen gerechnet werden und wie kommt es dazu?Dr. Ruppert: Die Masken-Beutel-Beatmung wird gerade in jüngerer Vergangenheit zunehmend und berechtigterweise als eine an sich schon anspruchsvolle Technik angesehen, die für den damit nicht täglich befassten durchaus schwierig durchzuführen sein kann. Wir wissen inzwischen, dass eine Luftinsufflation schon beim „normalen" Reanimationspatienten kaum zu vermeiden ist. Die veränderte Compliance beim Patienten nach Beinahe-Ertrinken und der möglicherweise sowieso schon luft- und flüssigkeitsgefüllte Magen bedingen ein extrem hohes Regurgitations- und Aspirationsrisiko. Nur die frühzeitige Intubation kann diese mit prognoseentscheidende Komplikation sicher verhindern.
Medicus: Bei zu schneller Erwärmung unterkühlter Personen droht Kammerflimmern. Ein weiteres Absinken der Körpertemperatur aber kann unter Umständen auch gefährlich sein. Wie ist hier vorzugehen?Dr. Ruppert: Es ist eine Gratwanderung: Einerseits erfordern die Gefahr des Bergungstodes und die möglichen Begleitverletzungen insbesondere der Wirbelsäule eine schonende Rettung und Immobilisation des Patienten. Andererseits muss der Patient – und das ist die Prämisse – schnell vor einem weiteren Temperaturverlust geschützt und die Basisversorgung initiiert werden. Eine zu schnelle Erwärmung wird unter den Bedingungen der Präklinik kaum ein Problem darstellen.
Medicus: Gibt es für Kinder und Erwachsene Unterschiede hinsichtlich der Prognose oder Primärversorgung?Dr. Ruppert: Für den erstversorgenden ärztlichen Kollegen sollten wir festhalten: Notfallsituationen bei Ertrinkungsunfällen sind immer dramatische Ereignisse, die häufig zunächst nicht vollständig erfasst werden können. Widersprüchliche oder vage Aussagen zum Geschehen können zu fatalen Fehleinschätzungen, zum Beispiel auch bezüglich der Prognose führen. Deshalb: konsequente Erstversorgung der Vitalfunktionen und gegebenenfalls immer Beginn einer Reanimation.
Während der Fortführung der Maßnahmen kann dann „in Ruhe“ über das weitere Regime, zum Beispiel über den Transport unter laufender Reanimation in eine herzchirurgische Abteilung, nachgedacht werden. Kinder haben wohl, wenn sie älter als drei Jahre sind, eine bessere Prognose, aber solche Kriterien dürfen nicht bereits in der Notfallsituation unser Handeln bestimmen.
Die Versorgung von Kindern unterscheidet sich lediglich in den alters- beziehungsweise gewichtsadaptierten Parametern für Beatmung, Thoraxkompression, Defibrillationsenergie und Medikamentendosierung. Das Beatmungstidalvolumen beträgt zirka 10ml/kgKG, die Defibrillationsenergie initial 2 Joule/kgKG und die Adrenalindosierung initial 0,01mg/kgKG, um einige der wichtigsten Werte zu nennen.
Medicus: Vielen Dank!