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Interview mit Dr. Dieter Stratmann, Klinikum Minden
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08. Dezember 2006
„Der Ärztemangel macht sich auch im Notarztdienst bemerkbar“

Gespräch mit Dr. med. Stratmann zu den Qualifikationsvoraussetzungen im Notfalldienst. Dr. med. Stratmann ist Vorsitzender der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands (BAND e.V.) und gehört dem Ausschuss "Notfall- und Katastrophenmedizin" bei der Bundesärztekammer an.

Dr. med. Stratmann stammt aus Münster und hat dort Medizin studiert. Die Weiterbildung zum Anästhesisten absolvierte er am Klinikum Minden, an das er nach drei Jahren Tätigkeit am Marienhospital Erwitte im Jahr 1985 zurückkehrte. Heute ist er Chefarzt des Instituts für Anästhesiologie des Klinikums Minden. Sein besonderes Engagement gilt der Institutionalisierung des ‚Leitenden Notarztes‘ und derzeit der Reorganisation der Kooperation zwischen Rettungsdienst und Katastrophenschutz nach den Ereignissen des 11. September 2001. Hellmuth Nordwigsprach mit ihm.

Medicus: Bisher mussten Notärzte einen „Fachkundenachweis Rettungsdienst“ erwerben. Warum soll dieser nun durch eine Zusatzbezeichung „Notfallmedizin“ ersetzt werden?

Dr. med. Stratmann:  Die neue Zusatzbezeichnung "Notfallmedizin" passt die Qualifikationsvoraussetzungen an den heute im Notarztdienst erforderlichen Umfang an. Für den Fachkundenachweis „Rettungsdienst“ waren die Zugangsvoraussetzungen neben einer 80-stündigen interdisziplinären notfallmedizinischen Fortbildung und einem Einsatzpraktikum eine klinische Tätigkeit von 18 Monaten. Das erschien als unzureichend, und deshalb hat der Deutsche Ärztetag im Jahr 2005 mit seiner Empfehlung zur Zusatzbezeichnung "Notfallmedizin", welche die Fachkunde "Rettungsdienst" ablösen soll, die erforderliche klinische Tätigkeit auf 30 Monate erhöht. Davon sind mindestens sechs Monate in der Anästhesiologie, in der Intensivmedizin oder in einer Notaufnahme nachzuweisen. Die neue Zusatzbezeichnung darf auch nach außen hin geführt werden und ist somit für die Rettungsdienste ein sichtbares Qualitätsmerkmal. 

Medicus: Ist der Erwerb der Zusatzbezeichnung bereits überall möglich? 

Dr. med. Stratmann:  Die Umsetzung in den einzelnen Kammerbereichen erfolgt derzeit mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, und auch die Übergangsregelungen von der Fachkunde zur Zusatzbezeichnung sind nicht ganz einheitlich. Nach meiner Einschätzung wird es noch drei bis vier Jahre dauern (also etwa bis 2010), bis bundesweit nur noch die Zusatzbezeichnung "Notfallmedizin" als Qualifikationsmerkmal für den Notarzt gilt und die Fachkunde damit ausläuft. 

Medicus:Wie steht es um die Qualität der 80-stündigen Fortbildung? Sind alle Anbieter seriös?

Dr. med. Stratmann:  In ihren Empfehlungen hat die Bundesärztekammer festgelegt, dass die interdisziplinären Fortbildungs-Seminare unter der Kontrolle der Fortbildungsakademien der Landesärztekammern durchzuführen sind. Ferner hat sie die Kursinhalte und die Rahmenbedingungen in einem eigenen "Kursbuch Rettungsdienst" bzw. jetzt "Notfallmedizin" festgeschrieben. Damit ist Seriosität weitestgehend garantiert. 

Medicus:Ist es problematisch, dass die Richtlinien für die Ärzte im Rettungsdienst Ländersache sind? Würden Sie sich eine Vereinheitlichung wünschen? 

Dr. med. Stratmann:  Trotz der formalen Länderzuständigkeit im Rettungsdienst konnte im Hinblick auf die Qualifikation des Notarztes gerade durch die genannten Empfehlungen der Bundesärztekammer eine Vereinheitlichung erreicht werden. Sie wurden jeweils in den Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern verankert, was eine bundesweit identische Umsetzung ermöglicht. Das föderale System hat somit die Einheitlichkeit nicht behindert, auch wenn es zeitliche Unterschiede in der Realisierung neuer Empfehlungen gab. 

Medicus:Es fällt auf, dass viele Zusatzqualifikationen erworben werden können: Da gibt es den „Leitenden Notarzt“, den „Ärztlichen Leiter Rettungsdienst“, den „Ärztlichen Leiter Notarztstandort“ ... Warum diese Begriffsverwirrung? 

Dr. med. Stratmann:  Der "einfache" Notarzt ist nicht der Alleskönner. Wie in anderen medizinischen Fachbereichen war es deshalb auch in der präklinischen Notfallmedizin erforderlich, besondere Funktionen und Verantwortungen zu benennen, zu definieren und die dazu erforderliche besondere Qualifikation festzuschreiben. Das mag für Laien zu Begriffsverwirrungen führen - aber es gibt auch 41 verschiedene Facharztbezeichnungen. 

Medicus:Ist die Zahl der Notärzte überall in Deutschland ausreichend?

Dr. med. Stratmann:  Natürlich macht sich der Ärztemangel auch im Notarztdienst bemerkbar - vor allem im ländlichen Bereich und in den neuen Bundesländern. Außerdem müssen wir damit rechnen, dass im Rahmen der Änderung der Entgeltform für Kliniken (DRG) etwa jedes sechste Krankenhaus schließen wird. Und auch die Umsetzung des Arbeitszeitgesetzes erzeugt Lücken im Notarztdienst ... 

Medicus: ... die Rettungsdienste ja sogar über eine „Notarzt-Börse“ schließen können.

Dr. med. Stratmann:  Darüber können wir nur froh sein. Andererseits kann ein "Freelancer"-System allein auf Dauer nicht die Qualifikation eines klar strukturierten Systems mit enger klinischer Anbindung ersetzen. Eine verlässliche Lösung finden wir zum Beispiel in Frankreich: Dort ist der Notarztdienst an die interdisziplinäre Notaufnahme-Einheit einer Klinik angebunden. 

Medicus:  Warum sollten sich Ärzte überhaupt dafür interessieren, als Notarzt tätig zu sein? 

Dr. med. Stratmann:  Notärztliche Tätigkeit fordert und fördert Entscheidungsfreudigkeit und Selbstständigkeit in einer enormen Vielzahl unterschiedlichster Situationen, die man zuvor gelegentlich für undenkbar gehalten hatte. Und manchmal können wir wirklich Leben retten! Ein qualitativ hochwertiges Notarztsystem wird uns aber nur erhalten bleiben, wenn die strukturellen und finanziellen Vorgaben stimmen. Es ist weder ein lästiger Kostentreiber, noch ist die Tätigkeit als Notarzt der Karriere eines Arztes abträglich.



Ausbildung zum Notarzt - Sich qualifizieren, um Leben zu retten
Interview mit Dr. Dieter Stratmann, Klinikum Minden
Notarzt-Börse
Kinder-Notarzt: Von der Geburt bis zur Pubertät
Extreme Einsätze: In rauer See und im Hochgebirge
Links und Literatur


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