1. BestellCenter
  2. Kontakt
  3. Sitemap
 
Interview mit Prof. Dr. med. Anil Batra
Drucken
09. Februar 2006

Prof. Dr. med.  Anil Batra ist Oberarzt an der Tübinger Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit 1991 leitet er dort den „Arbeitskreis Raucherentwöhnung“ (AKR). Anil Batra ist außerdem Vorsitzender des Wissenschaftlichen Aktionskreises Tabakentwöhnung (WAT) e.V.

„Die Wahrscheinlichkeit für einen erfolgreichen Aufhörversuch wird durch eine medikamentöse Unterstützung nahezu verdoppelt.“

Medicus: Warum ist es so schwer, als Raucher vom Tabak abzulassen?

Prof. Batra: Das hat viele Ursachen. Manche Raucher leiden unter einer starken körperlichen Abhängigkeit. Sie spüren Entzugssymptome, wenn sie mit dem Rauchen aufhören und werden wegen des starken Rauchverlangens, der Konzentrations- oder Schlafstörungen oder der Reizbarkeit wieder rückfällig. Andere haben über Jahre gelernt, die Zigarette zur Konfliktbewältigung einzusetzen – bei der Arbeit oder in der Partnerschaft. Sie werden in Konfliktsituationen rückfällig. Andere schaffen es einfach aufgrund mangelnder Motivation nicht. 

Medicus: Inzwischen gibt es Leitlinien sowie zahlreiche Bücher, Arbeitsgruppen und Kampagnen zur Raucherentwöhnung. Kann es hier überhaupt den Weg geben? Jeder Mensch hat individuelle Stärken, Schwächen und Suchtverstärker.

Prof. Batra: Ganz richtig – die Motivation zum Rauchen und die Gründe für den Tabakkonsum sind sehr individuell. All die verfügbaren Angebote zur Tabakentwöhnung können Hilfen zur Überwindung der Rauchgewohnheiten und einer Tabakabhängigkeit darstellen. Die Individualisierung, die Übertragung der Techniken auf die eigenen Bedürfnisse, muss der Raucher selbst vornehmen. Neuerdings wird versucht, die Raucherentwöhnungsmethoden etwas mehr auf die Bedürfnisse einzelner Untergruppen von Rauchern zuzuschneiden. 

Medicus: Wie erleben Sie Raucher? Entwickelt sich der Wille zum Entzug – ähnlich wie bei Alkoholikern - erst in der assoziierten Lebenskrise, z. B. durch Krankheit oder ist es eher eine Vernunftentscheidung? 

Prof. Batra: Beides ist möglich. Sowohl einschneidende Erlebnisse, wie gesundheitliche Konsequenzen oder schwere Erkrankungen nahe stehender Personen, als auch die Erkenntnis der Abhängigkeit, Sorgen vor einer Bedrohung der eigenen Gesundheit und andere rationale Gründe, können zur Entscheidung beitragen, den Tabakkonsum zu beenden. Viele Raucher sind ohnehin „dissonant“ bezüglich Ihres Tabakkonsums und würden gerne darauf verzichten können. Eine klare Entscheidung für die Abstinenz erhöht die Aussichten für eine dauerhafte Überwindung der Abhängigkeit.

Medicus: Wann ist ein Raucher ein stabiler Nichtraucher geworden und wie hoch sind die Rückfallraten?

Prof. Batra: Unter den heute verfügbaren Therapien sind nach einem Jahr noch etwa 30 Prozent der Raucher abstinent – dies ist viel, bedenkt man die hohe Rückfallquote von mehr als 94 Prozent innerhalb eines Jahres bei Aufhörversuchen ohne professionelle Hilfe. Prinzipiell sind die ersten drei Monate sehr kritisch, danach sinkt die Rückfallrate. Wer einmal geraucht hat, kann aber auch nach Monaten und Jahren noch wieder rückfällig werden.

Medicus: Was sind die Alltagshürden, an denen Raucher beim Entwöhnen oder danach scheitern?

Prof. Batra: Stress in Beruf, Verführungssituationen durch andere oder der Einfluss von Alkohol, erleichtern einen Rückfall. 

Medicus: Kann man die Tabakabhängigkeit als Sucht mit Alkoholismus vergleichen?

Prof. Batra: Die sozialen Auswirkungen sind bei Tabak und Alkohol grundverschieden. Als Kettenraucher können Sie Ihren Job weitermachen, als Alkoholiker nicht. Wenn Sie jeden Abend betrunken sind, gehen Sie irgendwann Ihrer Arbeit und Ihren sozialen Verpflichtungen nicht mehr nach. Beim Rauchen stehen Sie sozial kaum unter Druck und Sie merken auch die bedrohlichen gesundheitlichen Folgen erst sehr viel später. Beides macht einen großen Unterschied. 

Medicus: Was machen Sie im AKR mit den Rauchern, die aufhören wollen?

Prof. Batra: In unserem sechswöchigen Entwöhnungsprogramm werden Anleitungen zur Entwöhnung und Empfehlungen zur medikamentösen Unterstützung gegeben. Für alle, die es auf diesem Weg nicht schaffen, bieten wir individuelle Therapien an. Viele Frauen haben Probleme damit, dass sie nach der Abstinenz zunehmen. Sie profitieren oft von einer intensiven Verhaltenstherapie. 

Medicus: Wie steht es mit der Nikotinersatztherapie? Geht es auch ohne?

Prof. Batra: Vielen gelingt es auch ohne. Die Wahrscheinlichkeit für einen erfolgreichen Aufhörversuch wird allerdings durch eine medikamentöse Unterstützung nahezu verdoppelt. Prinzipiell sind die Entzugssymptome des Rauchers nicht bedrohlich, dennoch zermürben sie den Raucher, nagen an der Motivation und schwächen den guten Vorsatz. Insbesondere abhängigen Rauchern gelingt es durch den Einsatz dieser Hilfsmittel leichter, das starke Raucherverlangen, das die initial guten Vorsätze ins Wanken bringt, zu bekämpfen. Die Sucht quasi auszuschleichen. 

Medicus: Welche konkreten Tipps können Sie einem Hausarzt an die Hand geben, der seinen Patienten vom Rauchen abbringen will?

Prof. Batra: Ein Arzt sollte mit dem Patienten nach erfolgter Anamnese der Rauchgewohnheiten und unter Würdigung der persönlichen Befunde im Zusammenhang mit dem Tabakkonsum zunächst den Nutzen des Ausstiegs herausarbeiten, insbesondere auch die gesundheitlichen Verbesserungen, die Überwindung der Abhängigkeit oder die Erfüllung des Verantwortungsbewusstseins gegenüber eigenen Kindern. Außerdem müssen vermutete oder bereits erlebte negative Erfahrungen im Rahmen der Abstinenz diskutiert und relativiert werden. Darunter fallen Entzugssymptome, die Angst vor dem Versagen, die Gewichtszunahme, Depression oder der subjektiv erlebte Mangel an Lebensqualität. Abschließend muss er ihm Informationen über Ausstiegsmöglichkeiten und verfügbare Hilfen, wie Manuals zur Raucherentwöhnung, an die Hand geben.

Je nach Vorkenntnissen kann der Hausarzt motivieren, beraten oder begleiten. Wenn keine therapeutische Unterstützung gewährt werden kann, sollte er zumindest an andere Institutionen verweisen können, z. B. an Raucherentwöhnungskurse bei Krankenkassen, an spezialisierte Therapeuten oder an Beratungstelefone der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg.

Medicus: Wo findet der Hausarzt konkrete Unterstützung für sich und für seine Patienten? 

Prof. Batra: Fortbildungen für Ärzte werden zum Beispiel im Rahmen der Tübinger Suchttherapietage zur Durchführung von Raucherentwöhnungsbehandlungen angeboten, das Curriculum Tabakabhängigkeit und Entwöhnung über 20 Stunden. Auch die Fachkunde Suchtmedizin der Ärztekammern enthält vier Stunden zum Thema Rauchen. Adresssammlungen über Therapeuten liegen bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder beim Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg vor.


Nach oben

Autorin
Die Ursachen der Sucht
Gesundheitliche Risiken
Interview mit Prof. Dr. med. Anil Batra
Literatur und Adressen
Psychotherapeutische Begleitung aus der Abhängigkeit
Raucherentwöhnung
Tabakabhängigkeit


  1. Copyright © 2005-2010 sanofi-aventis. Alle Rechte vorbehalten. | Impressum
  2. | Datenschutz
  3. | Nutzungsbedingungen
  4. | AGB
  5. |
  1. heatmap