Inline-Skating wird immer wieder als verletzungsträchtige Sportart dargestellt. Allerdings zeigen die Studien untereinander große Diskrepanzen und beruhen meistens auf Datenmaterial von Unfallkliniken, wo nur die schweren Fälle behandelt werden. Man kann eigentlich nur sagen, dass sich mit dem Beginn des Skating-Booms, Mitte der 90er Jahre, in den Sommermonaten die Zahl der ärztlich zu behandelnden Inline-Verletzungen deutlich erhöht hat.
Dass nur wenige der veröffentlichten Untersuchungen bei der Beurteilung des Verletzungsrisikos zwischen den verschiedenen Inline-Disziplinen unterscheiden, erschwert die abschließende Beurteilung zusätzlich. Aufgrund der individuellen Belastungsstruktur sind hier unterschiedliche Verletzungsmuster und Risiken zu erwarten. Aggressive-Skater nehmen mit hohen Sprüngen und Figuren bewusst ein höheres Sturz- und Verletzungsrisiko auf sich. Frakturen sind häufiger und die Beine sind mehr betroffen als beim Fitness-Skaten. Beim Inline-Hockey treten dagegen Gefahren durch Gegner- und Schlägerkontakte auf.
Laut einer Analyse von Dr. Ralf Erik Hilgert sind die häufigsten Verletzungsmuster beim Fitness-Skating wahrscheinlich Hautschürfungen, Muskel- und Gelenkprellungen (Hilgert et. al: "Trendsportart Inline-Skating", der Unfallchirurg, 11/98). Die meisten dieser Verletzungen erfordern zum Glück keine ärztliche Behandlung und erscheinen in keiner Statistik. Unter den statistisch erfassten schwereren Verletzungen stehen sturztechnisch bedingt Knochenbrüche an den Armen und Kopfverletzungen im Vordergrund. Mehr als die Hälfte davon durch fahrtechnische Fehler. So ereignen sich die Stürze meistens durch den Verlust der Balance beim Überqueren oder Umfahren von Hindernissen oder beim Kontrollverlust durch zu hohe Geschwindigkeiten, größtenteils bei Anfängern. Bei Kindern und Jugendlichen spielt sicher auch die falsche Selbsteinschätzung eine Rolle, die beim Agressive-Skating schnell zu Unfällen führt.
Über die genauen Zahlen lassen sich letztlich schwer Aussagen machen, da sie je nach Untersuchungskollektiv – Erwachsene/Kinder oder Praxis/Unfallkrankenhaus – stark schwanken. Tatsache ist, dass die Häufigkeit von Unfällen im Straßenverkehr überschätzt wird.
Weichteilverletzungen
Leichtere Weichteilverletzungen sind mit großer Wahrscheinlichkeit die häufigste Verletzungsform. Dazu zählen Abschürfungen an wenig geschützten Hautpartien wie den Fingern, den Oberschenkeln und der Lenden-Becken-Hüft-Region. Hier bieten auch die gängigen Protektoren wenig Schutz. Allerdings lässt sich die Funktionsbekleidung einfach durch gepolsterte Handschuhe mit eingebautem Handgelenksschutz oder durch gepolsterte Protektorhosen erweitern. Um Komplikationen bei den oft großflächigen und verschmutzten Wunden vorzubeugen, empfiehlt sich zusätzlich ein frischer Tetanus-Impfschutz.
Schlechte Konstitution und "kalte" Muskeln und Bänder erhöhen das Risiko für Zerrungen oder Risse. Als unbedingt empfehlenswert, vor allem für weniger Trainierte, erscheint daher das aktive und passive Stretching aller beteiligten Regionen des Bewegungsapparates vor dem Fahrbeginn.
Frakturen der oberen Extremitäten
Sie zählen zu den schweren Verletzungen beim Inlinesport. Hier sind besonders die distale Radiusfraktur, die Radiusköpfchenfraktur sowie Frakturen der Mittelhand- und Fingerknochen zu nennen. Unterarm und Hand gehören mit Sicherheit zu den gefährdetsten Regionen beim Skaten. Viele der Skater tragen keine Protektoren an den Handgelenken und Ellenbogen, und viele stürzen ungebremst auf die ausgestreckten Arme, so dass ein Grossteil der kinetischen Energie direkt auf das abstützende Knochensystem wirkt. Handgelenksschoner wiegen zudem in falscher Sicherheit, weil die vermeintliche Schwachstelle geschützt ist. Bei falscher Sturztechnik ereignet sich die Fraktur dann am nächsten Schwachpunkt, also proximal des Handgelenks im Sinne einer diaphysären Unterarmfraktur.
Die schweren Kniebandverletzungen der Skiläufer sind vom Skaten so gut wie unbekannt, da es zum Glück an dem langen Hebel der Skier fehlt. Dagegen gibt es beim Skaten die im Skisport völlig verschwundenen Knöchelbrüche sogar in großer Zahl, weil der Skate zwar wie ein Skischuh aussieht, aber die Knöchelregion lange nicht so stabilisiert. Die stabilen Skistiefel haben das Muster vom Knöchel zur nächsten schwachen Region verschoben, beim Skating gerade nicht!
An dieser Stelle sei speziell auch auf den Abschnitt "Sicherheit" dieses Beitrags hingewiesen.
Kopfverletzungen
Ihre Häufigkeit unter den Inline-typischen Verletzungen wird mit rund 10 Prozent als relativ gering angegeben. Trotzdem sollte der Kopfverletzung aufgrund der potentiellen Schwere der Verletzung besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. So beobachteten Hilgert et al. unter anderem Schädelfrakturen mit Felsenbeinbeteiligung und vorübergehender Verminderung des Hörvermögens. Kinder stürzen dabei eher auf den Hinterkopf, wogegen Erwachsene mehr auf das Gesicht fallen. Abgesehen davon, dass beide Verletzungsmodi wenig erstrebenswert sind, ist die Sturzvariante der Erwachsenen im Zusammenhang mit dem gelernten, gleitenden Fall nach vorn günstiger.
In der Untersuchung von Hilgert et al. waren alle Schädelbrüche bei Kindern unter 15 Jahren zu finden. Jüngere Kinder scheinen oftmals nicht über die erforderliche Körperbeherrschung in Sturzsituationen zu verfügen, und sie können den noch relativ großen Kopf nach hinten schwer abfangen. Gerade bei ihnen sollte daher auf einen gut sitzenden Helm geachtet werden, der den ganzen Kopf umschließt. Allgemein gilt die Forderung, entsprechenden Helmschutz zu tragen. Auch wenn die Maßnahme restriktiv erscheint, so kann sie Leben retten. Tödliche Unfälle im Straßenverkehr etwa sind selten, gehen aber meistens auf schwere Kopfverletzungen zurück.
Verletzungsgefahr bei Erwachsenen größer
In den Statistiken treten bei Kindern mehr Verletzungen auf, die ärztlicher Behandlung bedürfen. Allerdings verbringen diese auch wesentlich mehr Zeit auf den modernen Rollschuhen. Werden die Verletzungen auf die gleiche Dauer der Sportaktivität bezogen, wendet sich das Blatt. Dann finden sich Erwachsene deutlich häufiger beim Arzt. Als Ursache, so spekulieren die Bochumer Ärzte Schulz und Heck in ihrer Untersuchung, kommt die schlechtere Bewegungskoordination in Frage, die bei Bewegungsabläufen, die erst im Erwachsenenalter erlernt werden, nie das Niveau erreicht, wie bei Kindern. Außerdem erreiche die größere Körpermasse bei Stützen eine größere kinetische Energie (Schulz u. Heck, "Inline-Skating: Sport und Spaß mit Risiko", Rubin, Zeitschrift der Ruhr-Universität Bochum, 1998).
Besondere Probleme bei Kindern
Kinder tragen mit dem Inline-Skating, besonders mit dem Agressive-Skaten, das sich durch Sprünge und Figuren definiert, nicht nur ihrem Bewegungsdrang Rechnung. Im Zusammenhang mit entsprechender Kleidung und Musik verkörpert die Sportart ein spezielles Lebensgefühl der "Kids". Die Stars der Szene machen diesbezüglich Vorgaben, leider unter anderem, dass das Tragen von Schutzkleidung "uncool" ist. Pubertierende Kinder und solche, die dazu gehören möchten, machen daher selten freiwillig Gebrauch von Protektoren. Da sie mit den Skates aber trotzdem hohe Geschwindigkeiten erreichen und sich mit Sprüngen und Figuren zusätzlichen Risiken aussetzen, werden gerade bei Kindern vermehrt Frakturen und komplizierte offene Frakturen beobachtet. Sprunggelenk und Unterschenkel sind hier öfter involviert, als bei Fitness-Skatern. Auch die Zahl der Epiphysenfrakturen ist im Vergleich zu den Verletzungen beim Skateboardfahren deutlich angestiegen. Da vor allem Kinder unter neun Jahren davon betroffen sind, gibt es Empfehlungen, das Skaten erst im Alter von neun bis 10 Jahren zu beginnen.