Ralf Erik Hilgert ist Sportmediziner und Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Kiel. 1995, seinerzeit noch an der Uniklinik Hamburg, behandelte er die ersten verletzten Skater und befasste sich so aus sportmedizinischem Interesse heraus mit der Sportart. Und da er es als große Blamage empfunden hätte, wenn ein behandelnder Arzt irgendwann selbst als verletzter Skater mit Gips herumläuft, erweiterte er die Rollschuherfahrungen seiner Kindheit noch im gleichen Jahr durch einen Skating-Kurs an der Uni Hamburg, wo die Inline-Schule zum Fachbereich Sport gehört. Seither zählt sich der Oberarzt selbst zu den Fitness-Skatern.
Medicus:
Ist Fitness-Skating ein riskanter Sport?
Hilgert:
Die Zahlen zur Häufigkeit und zur Schwere der Verletzungen beim Skaten sind verwirrend, und niemand kann von sich behaupten, dass er "die richtigen" hat. Die Zahl der Skater, die Intensität, mit der diese ihren Sport betreiben und wie viele Verletzungen daraus resultieren, wird von niemandem statistisch erfasst. Es gibt keine risikolose Sportart, und so hat auch das Inline-Skating sein ganz spezielles und inzwischen gut bekanntes Verletzungsmuster. Aus meiner Sicht ist die Sportart nicht übermäßig gefährlich, sofern man sich an zwei Regeln hält: 1. Schutzkleidung tragen, 2. Das Fahren und insbesondere das Stürzen in Kursen erlernen.
Medicus:
Hat sich das Verletzungsmuster in den letzten Jahren verändert, zum Beispiel durch zunehmende Akzeptanz von Schutzkleidung oder Schulungen? Oder ist das Sicherheitsbewusstsein durch die Entwicklung zum Massensport eher rückläufig?
Hilgert:
Das Muster hat sich in den Jahren nicht verändert. Bekannt und sogar wissenschaftlich abgesichert ist inzwischen, dass durch das Tragen von Protektoren das Verletzungsrisiko signifikant sinkt, dass also im Umkehrschluss Verletzungen gerade bei ungeschützten Skatern auftreten. Wahrscheinlich besteht ein Selektionsmechanismus derart, dass die mit Protektoren gestürzten Skater gar nicht erst in die Unfallchirurgie müssen. Die Skater, die wir mit ernsten Verletzungen behandeln müssen, tragen immer noch zu wenig Schützer. Da hat sich leider in den letzten Jahren wenig geändert.
Medicus:
Fitness-Skating wird als gelenkschonender Präventivsport mit moderater Herz-Kreislaufbelastung angepriesen. Gibt es trotzdem Einschränkungen?
Hilgert:
Besondere Umstände, wie zum Beispiel sehr hohes Körpergewicht, Erkrankungen des Bewegungsapparates, Schwangerschaft, Herz-Kreislauf-Leiden oder Schwindel können das Risiko beim Skaten erhöhen, aber keiner der Punkte stellt eine eindeutige Kontraindikation dar. Ich würde lieber ein positives Anforderungsprofil aufstellen. Wir sollten alle Anforderungen stellen, die wir normalerweise für eine Teilnahme am Straßenverkehr fordern, zum Beispiel hinsichtlich Reaktionsvermögen, Schwindel oder Herz-Kreislauf-Belastbarkeit. Dann muss der Skating-Interessierte über körperliche und koordinative Grundvoraussetzungen verfügen, ohne die Skating nicht funktioniert. Und dann sollte er unter professioneller Anleitung bei einer Skating-Schule einen Kurs machen, zum Beispiel mit geliehener Ausrüstung. Ein guter Skating-Lehrer wird am besten einschätzen können, ob man dem Engagement unter der Nutzen-Risiko-Abwägung zustimmen oder ob man ihm eher abraten sollte.
Medicus:
Was halten Sie von Empfehlungen bezüglich der Altersgrenze nach unten oder nach oben?
Hilgert:
Wenn ein Kind wirklich sicher auch in schwierigen Situationen sein Fahrrad beherrscht, wird es auch alt genug sein, um Skaten zu können. Das wird vielleicht mit fünf Jahren bei vielen Kindern schon der Fall sein, eine eindeutige Grenze nach unten sehe ich nicht. Die Grenze nach oben ist ebenfalls nicht klar zu ziehen, zumindest nicht hinsichtlich des kalendarischen Alters. Man kann nur auf die altersbedingt zunehmende Osteoporose hinweisen und darauf, dass Skating ein Sport mit Frakturrisiko ist. Konkret: Wenn mich ein 70-jähriger, biologisch junggebliebener, sportlicher Typ und seit Jahrzehnten ein exzellenter Eisläufer, fragen würde, ob er mit dem Skaten anfangen darf, kann man auch nicht zwingend abraten. Fragt er mich jedoch als interessierter Anfänger, würde ich ihn eher nicht ermutigen und lieber auf andere Sportarten verweisen.
Medicus:
Was bringt die Schutzkleidung? Kann sie allein Verletzungen verhindern oder spielen andere Faktoren trotzdem eine entscheidende Rolle?
Hilgert:
Die Gelenkschützer können nur begrenzt als Polster schützen, indem sie einwirkende Kräfte "abpuffern". Alleine senken sie das Risiko für Verletzungen nur wenig. So behandeln wir auch Skater mit Knochenbrüchen trotz Schützern. Schützer und die richtige Sturztechnik in Kombination dagegen senken das Risiko erheblich. Die Polster mit der abschließenden Hartschale funktionieren in erster Linie als Gleitschienen, auf denen der gestürzte Skater so lange weiterrutscht, bis er zum Liegen kommt. Das heißt aber auch, dass sie nur voll wirksam sind, wenn ich die richtige Sturztechnik beherrsche.
Der Helm sollte zum Standard gehören. Die Problematik ist glaube ich ähnlich wie bei den Fahrradhelmen zu sehen. Mein Kind kann ich mehr oder weniger dazu verdonnern, Helm zu tragen. Bei mir selbst überlege ich eher, ob mir der Helm nicht zu unbequem ist, ob ich unter dem Helm schwitze, oder ob ich mir meine Frisur ruiniere. Insofern werden wir bei den Erwachsenen wohl kaum eine Helmquote erreichen können, wie bei den Kindern.
Medicus:
Wo werden gute Schulungen angeboten?
Hilgert:
Es gibt verschiedene Anlaufstellen, die für den Einsteiger oft nicht leicht zu finden sind: Der Deutsche Inline-Skater Verband (DIV) bietet deutschlandweit Schulungen an, aber auch Sportvereine, Volkshochschulen, private Inline-Schulen, Betriebssportorganisationen, Uni-Breitensport etc. Der Sportfachhändler, der die Skates verkauft, kennt in der Regel auch die Anbieter von Kursen in der Nähe.
Medicus:
Vielen Dank und weiterhin viel Spaß beim Skaten!