Medicus
Was hat Sie bewogen, die Arztpraxis in Uichteritz zu übernehmen?
Schedler
Ich war zuvor in einer Klinik tätig und habe eine neue Herausforderung gesucht - weg von der Apparatemedizin, der Hierarchie und einigem mehr. Nachdem ich nicht allzu weit weg wohne, lag der Bereich Weißenfels buchstäblich nahe. Auch dort, in der Kreisstadt, hätte ich mich niederlassen können, denn Weißenfels ist ebenfalls unterversorgt. Aber ich finde, die Strukturen in einem Medizinischen Versorgungszentrum sind schwierig zu überblicken, während ich hier eine gesicherte Existenz habe. Dazu kam, dass ich bei meinem Vorgänger eine Weile mitarbeiten konnte, was mich davon überzeugt hat, dass Uichteritz eine gute Wahl sein würde.
Medicus
Sie haben ja auch eine Förderung von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt bekommen.
Schedler
Ja, 15.000 Euro, auch das war ein gewisser Anreiz. Aber Sie können sich vorstellen, dass das eher ein Tropfen auf den heißen Stein ist, nachdem ich die Praxis komplett neu einrichten musste. Steuerpflichtig ist der Förderbetrag auch ... Aber natürlich habe ich diese Summe nicht links liegen gelassen und ein modernes Ultraschallgerät gekauft. So ermögliche ich den Patienten die Diagnostik vor Ort und erspare ihnen die Anfahrt zu anderen Ärzten. Leider werden die Sonografie-Leistungen nicht extra vergütet.
Medicus
Wie sieht nun Ihr Arbeitsalltag in dieser strukturschwachen Region aus?
Schedler
Zu mir kommen täglich 90 bis 100 Patienten in die Sprechstunde. Anfangs galt es, jeden einzelnen kennen zu lernen und sich mit seiner Krankengeschichte zu beschäftigen. Bei dieser großen Zahl von Menschen bin ich gefordert, in kurzer Zeit die richtigen Behandlungsentscheidungen zu treffen, mit denen alle zufrieden sind - die Patienten, ihre Angehörigen, die Kassen und natürlich ich selbst. Das ist nicht immer leicht und wird meiner Meinung nach nicht ausreichend gewürdigt. Das starre System der Verschlüsselung von Leistungen wird dieser Vielfalt jedenfalls nicht gerecht. Abgesehen von den Sprechstunden mache ich täglich Hausbesuche, denn es ist nicht jedem Kranken möglich, zu mir in die Praxis oder gar nach Weißenfels zu fahren. Etwa drei Mal im Monat habe ich dann noch Bereitschaft, und natürlich muss ich auch Zeit für Weiterbildung aufwenden.
Medicus
Wie erfolgreich ist die Praxis?
Schedler
Über Arbeitsmangel kann ich mich wirklich nicht beklagen. Ob sich das auch finanziell widerspiegelt, werde ich erst wissen, wenn mein erstes Quartal durch die Kassenärztliche Vereinigung abgerechnet ist. Ich hoffe schon auf einen Überschuss, denn ich könnte gut noch eine Schwester einstellen, wir könnten Disease Management Programme anbieten und vieles mehr. Leider sind die Honorare hier nicht ja so hoch wie in den alten Bundesländern. Hoffentlich schafft es die Bundesregierung wirklich, das zu ändern, wie sie es angekündigt hat. Das wäre wenigstens ein Schritt gegen den Ärztemangel im Osten.
Medicus
Welche Chancen bietet die Tätigkeit als Landärztin in einer strukturschwachen Region?
Schedler
Eine sichere Existenz, denn es sind hier genug Patienten vorhanden. Und für die Kranken ist es auf jeden Fall ein Gewinn, denn sie sind medizinisch versorgt und brauchen keine so weiten Wege in Kauf zu nehmen in dieser Gegend, in der es kaum öffentliche Verkehrsmittel gibt. Man muss aber schon idealistisch sein, denn es ist viel zu tun. Erleichtert bin ich, dass ich nicht direkt am Ort wohne. Dann käme ich gar nicht mehr zur Ruhe - denn manche Menschen haben schon ein recht ausgeprägtes Anspruchsverhalten gegenüber ihrem Hausarzt.
Medicus
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Schedler
Mehr Eigenverantwortung der Patienten. Und Ehrlichkeit von Seiten der Politik, dass dieses System nicht mehr finanzierbar ist und maßgeblich durch unbezahlte Arbeit von Ärzten und Schwestern aufrecht erhalten wird. So besteht kein Anreiz für Ärzte, frei werdende Praxen zu übernehmen. Besonders die jungen Kollegen suchen sich da lieber attraktivere Arbeitsmöglichkeiten.