Prof. Dr. med. Wolfgang Voelckel ist Anästhesist, Intensiv- und Notfallmediziner, arbeitet als Oberarzt mit Schwerpunkt Traumaanästhesie an der Universitätsklinik Innsbruck und forscht als Medical Scientist im Bereich Reanimation und Schocktherapie. Seit 16 Jahren begleitet er jährlich 50 bis 100 Bergrettungseinsätze mit dem Helikopter – hauptberuflich im heimischen Gebirge, 1991 auch bei der Schweizer Rettungsflugwacht. Als Medizinischer Koordinator der Christophorus Flugrettung und als leitender Flugrettungsarzt bei Christophorus 1 in Innsbruck ist der alpine Notfall für ihn zur Routine geworden. Medicus fragte ihn nach den Besonderheiten.
Medicus: Herr Prof. Voelckel, die „International Commission for Mountain Emergency Medicine“ hat in ihrem Manual Standards für die medizinische Erstversorgung von Verunglückten im Gebirge herausgegeben. Inwiefern entsprechen solche Vorgaben den Anforderungen in der Praxis?Prof. Voelckel: Das Standardwerk der ICAR ist das Ergebnis einer sorgfältigen Aufarbeitung der einzelnen Themenbereiche durch erfahrene Alpinärzte. Als solche haben diese Richtlinien hohe Praxisrelevanz. Davon ungeachtet zwingen neue wissenschaftliche Erkenntnisse gerade bei spezifischen Problemen, wie z.B. die Reanimation des hypothermen Patienten, zur permanenten Auseinandersetzung mit der aktuellen Literatur. Ebenso müssen Rahmenrichtlinien wie z.B. die Qualifikation eines Arztes in der alpinen Flugrettung in Einklang mit den lokalen Erfordernissen gebracht werden.
Medicus: Wieso sind für den alpinen Notfall überhaupt separate Standards nötig? Worin liegt die besondere Problematik?Prof. Voelckel: Prinzipiell müssen in diesem Zusammenhang mehrere unterschiedliche Szenarien diskutiert werden. Die alpinärztliche Versorgung abseits organisierter Strukturen, wie z.B. beim außereuropäischen Hochgebirgstrekking, ist anders zu betrachten, als die medizinische Hilfeleistung im Rahmen eines organisierten Bergrettungs- oder gar Flugrettungseinsatzes. Allen gemeinsam ist jedoch, dass in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation mit beschränkten Hilfsmitteln auch über längere Zeiträume eine medizinische Versorgung sichergestellt werden muss. Besonders erschwerend kommen hier die Exposition in schwierigem Gelände sowie zum Teil extreme klimatische Bedingungen zum Tragen.
Ein Beispiel: Wird eine endotracheale Intubation bereits am Unfallort notwendig, so ist die Durchführung dieser Maßnahme durch grelle Sonneneinstrahlung oder steiles Gelände prinzipiell erschwert. Bei extremer Kälte, insbesondere bei starkem Wind oder Sturm, können unter Berücksichtigung des „Windchill Faktors“ rasch Temperaturen von
-30 °C und mehr erreicht werden. Bei derartigen Temperaturen verändern sich die Material- und Geräteeigenschaften dramatisch. Der Tubus verliert in Sekunden seine Biegsamkeit und wird hart wie Glas. Automatische Beatmungsgeräte sind nur kurze Zeit voll funktionsfähig. Da keine Situation der anderen gleicht, wird der alpine Notarzt stets Kompromisse finden müssen. Spezielle Richtlinien können ihm jedoch eine Orientierungshilfe geben.