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| 24. Oktober 2002 |
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| Projekt PSB NIERE: Psychosoziale Begleitung chronisch nierenkranker Menschen |
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Interview mit Frau Nicole Scherhag, Mitarbeiterin des DD e. V. Sie ist zusammen mit Frau Susanne Schöffling Projektleiterin von PSB NIERE. Gemeinsam mit dem Vorstand des DD e. V. haben sie das Projekt PSB NIERE entwickelt, um die Einrichtung der psychosozialen Begleitung als Regelangebot in Deutschland zu etablieren.
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Medicus: Frau Scherhag, wieso brauchen chronisch nierenkranke Patienten eine psychosoziale Betreuung?
Nicole Scherhag: Die Belastungen, die infolge einer chronischen Nierenerkrankung auftreten, sind nicht nur körperlich. Die Betroffenen entwickeln häufig auch psychische Probleme, die vom sozialen Umfeld nicht abgefangen werden können. Am häufigsten sind Partnerschaftsprobleme, Ängste, depressive Verstimmungen bis hin zu Depressionen. Wir sollten nicht einerseits eine aufwändige und teure technische Behandlung anbieten und auf der anderen Seite den Menschen außer acht lassen.
Medicus: Wie kommt es, dass mit der Erkrankung auch psychische Probleme auftreten?
Nicole Scherhag: Wenn die Nieren versagen, bedeutet das für die Betroffenen eine lebenslange Abhängigkeit von einer Nierenersatztherapie. Die Betroffenen müssen diese Abhängigkeit akzeptieren und ihr Leben darum herum planen. Dadurch verändern sich Rollen in Partnerschaften oder auch am Arbeitsplatz - was einmal selbstverständlich war, ist plötzlich nicht mehr möglich. Als Folge entstehen Konflikte und Enttäuschungen, die von den Betroffenen mehr oder weniger gut bewältigt werden.
Medicus: Was wollen Sie mit dem Projekt PSB NIERE erreichen?
Nicole Scherhag: Wir möchten eine flächendeckende psychosoziale Regelversorgung von chronisch Nierenkranken und ihren Angehörigen erreichen. Im Moment gibt es nur einzelne Dialyse-Zentren oder Kliniken, an denen diese Art der Betreuung angeboten wird, und keine einheitlichen Konzepte. Wir möchten auf der Grundlage von fachlich fundierten und erprobten Modellen ein Anforderungs- und Handhabungsprofil für die psychosoziale Betreuung erarbeiten. Dazu haben wir Modellprojekte an verschiedenen Kliniken und Zentren entwickelt.
Medicus: Wie weit ist das Projekt PSB NIERE inzwischen fortgeschritten?
Nicole Scherhag: Im Moment werten wir die Erfahrungen aus, die wir in den verschiedenen Modellprojekten gemacht haben. Wir haben rund 1 500 Patienten, Angehörige und Pflegekräfte vor dem Beginn des Projekts und ein halbes Jahr danach mit Hilfe von Fragebögen befragt. Wir wollten wissen, wie sehr den Patienten die Betreuung letztlich geholfen hat und ob sie ihre Krankheit durch die Betreuung besser bewältigen. Mit dieser Untersuchung wollen wir wissenschaftlich erfassen, inwieweit psychosoziale Unterstützung allen Beteiligten konkret hilft.
Medicus: Wie werden die Modellprojekte finanziert?
Nicole Scherhag: Das ist ganz unterschiedlich. Gelder kommen sowohl vom Gesundheitsministerium als auch von Krankenkassen, Arbeitsämtern und der Industrie.
Medicus: Gibt es Vorbilder für psychosoziale Betreuung in anderen Ländern?
Nicole Scherhag: Ja, in den USA gibt es eine vorbildliche psychosoziale Betreuung. Dort steht eine psychosoziale Fachkraft pro hundert Patienten zur Verfügung. Allerdings ist das Gesundheitssystem dort völlig anders, so dass die Konzepte nicht einfach auf Deutschland übertragen werden können.
Medicus: Was sollte eine psychosoziale Betreuung beinhalten?
Nicole Scherhag: Eine psychosoziale Betreuung wird idealerweise von einem Sozialpädagogen oder einer Sozialpädagogin mit einer therapeutischen Zusatzausbildung angeboten. Sie werden in fünf Großbereichen tätig: in der Krisenintervention beispielsweise, wenn eine transplantierte Niere plötzlich abgestoßen wird, in sozialrechtlichen Beratungen beispielsweise zum Behindertenausweis, als begleitende Hilfe zur Integration der Erkrankung in den Alltag, in der Vermittlung an weiterführende Dienste wie etwa zum Psychotherapeuten und als Sterbebegleitung.
Medicus: Wie sollte die Hilfe praktisch aussehen?
Nicole Scherhag: Das hängt völlig davon ab, was der Patient benötigt. Nach den Erfahrungen in unserem Projekt ist es oft so, dass die Betroffenen sich zunächst mit einem sachlichen Thema an uns wenden, beispielsweise einem Rentenantrag. Erst wenn sie sich wohl fühlen und Vertrauen fassen, sprechen sie auch emotionale Fragen an.
Medicus: Wie wurde die Hilfe von den Pflegekräften vor Ort angenommen?
Nicole Scherhag: In den Modellprojekten gab es am Anfang beim Pflegepersonal Probleme, die Hilfe der neuen Fachkraft anzunehmen. Teilweise bestanden Befürchtungen, dass eigene Kompetenzen und Einflussbereiche verloren gehen würden. Wir haben dabei gemerkt, wie wichtig es ist, die psychosozialen Betreuer strukturell und organisatorisch einzuführen und zu integrieren und ihre Arbeit transparent zu machen. Dann haben Ärzte und Pfleger gemerkt, wie ungeheuer entlastend diese Hilfestellung für ihre eigene Arbeit ist, weil sie sich mehr auf ihre eigentlichen Tätigkeiten konzentrieren können.
Medicus: Wie können sich Ärzte an diesen Modellprojekten beteiligen?
Nicole Scherhag: Die alten Modellprojekte laufen noch weiter, aber es gibt keine neuen Projekte mehr. Wir stellen aber unser Konzept und unsere Erfahrungen zur Verfügung, wenn eine Einrichtung oder ein Zentrum eine psychosoziale Betreuung anbieten möchte und dazu Finanzierungsmöglichkeiten sucht.
Medicus: Wie geht es mit dem Projekt PSB NIERE jetzt weiter?
Nicole Scherhag: Mit den Daten aus den Modellprojekten erstellen wir einen Abschlussbericht, der als Basis für Verhandlungen zwischen unserem Vorstand und potentiellen Kostenträgern dient. Wir hoffen, schon bald eine psychosoziale Betreuung flächendeckend anbieten zu können.
Auskünfte über Erfahrungen mit laufenden Modellprojekten und mögliche Finanzierungsmöglichkeiten erhalten Sie bei Frau Susanne Schöffling oder Frau Nicole Scherhag unter der Telefonnummer (06131) 85189.
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