Kaum jemand ist wirklich gegen die Seekrankheit gefeit: Zwar trifft es besonders häufig Neulinge, für die grober Seegang ein neues Erlebnis darstellt. Aber auch erfahrene Skipper sind manchmal betroffen, auch wenn sie Jahre schon nicht mehr mit diesem Übel zu tun hatten.
Was die Seekrankheit auslöst
Medizinisch gehört die Seekrankheit zu den Kinetosen (Bewegungskrankheiten). Damit stellt sie keine Krankheit im eigentlichen Sinn dar, sondern um eine Störung des Gleichgewichtssinns. Der beruht auf drei Rezeptoren: dem Labyrinth (Vestibularorgan im Knochen neben dem Innenohr), den Augen, welche dem Gehirn die eigene Position melden, und dem Stellungssinn, das dem Gehirn den Spannungszustand der Muskulatur mitteilt. Das Gehirn wertet ständig diese Signale aus und verbindet dabei die Erwartung, dass diese Signale ein stimmiges Gesamtbild der Wirklichkeit ergeben, wie man es vom sicheren Boden her gewohnt ist.
Auf schwankenden Planken trifft dies aber auf einmal nicht mehr zu. Der hauptsächliche Auslöser des Problems ist das Vestibularorgan, das ähnlich wie eine Waage arbeitet. Dieses Organ soll ermitteln, wo oben und unten ist, wobei es sich an der Schwerkraft orientiert. Genau diese Navigation funktioniert nicht mehr richtig, wenn sich die Position der eigenen Längsachse zum Erdmittelpunkt durch die Rollbewegung des Schiffs ständig ändert. Und dieser Effekt kann die Seekrankheit auslösen mit ihren bekannten Symptomen, vor allem Müdigkeit, Schwindelgefühl, Schweißausbrüche und starkem Brechreiz. Wohlgemerkt: Es "kann" die Seekrankheit auslösen, denn ob die Symptome tatsächlich auftreten, hängt von vielen Faktoren ab - wie körperlicher und seelischer Verfassung oder Tätigkeit und Ablenkung an Bord..
Zum Glück klingt die Seekrankheit normalerweise nach zwei oder drei Tagen wieder ab. Denn das Gehirn ist in der Lage, sich an die widersprüchliche "Nachrichtenlage" von der Sensorik zu gewöhnen und der optischen Wahrnehmung Vorrang einzuräumen. Aus dieser Umstellung resultiert auch das beim Landgang manchmal auftretende Gefühl, etwas schwankend auf den Beinen zu sein (Seemannsgang), da der Gleichgewichtssinn sich nun wieder auf die stabilen Verhältnisse an Land umstellen muss. Wer öfters segelt, kann oft recht schnell zwischen beiden Wahrnehmungsformen umschalten. Wobei, wie erwähnt, auch bei erfahrenen Seglern die Seekrankheit formabhängig durchaus wieder auftreten kann.
Behandlung nur eingeschränkt möglich
Im Prinzip kann die Seekrankheit medikamentös behandelt werden, jedoch wirken die Präparate nicht bei allen Seglern gleichermaßen gut, und vor der Einnahme sind eventuelle Nebenwirkungen zu beachten. Relativ weit verbreitet sind Reisemedikamente auf Basis des Wirkstoffs Cinnirazin. Vor der Anwendung sind die Kontraindikationen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Alkohol zu beachten. Im Zweifel sollten Interessenten, sofern nicht selbst Mediziner, ihren Hausarzt zu Rate ziehen. Grundsätzlich stellen solche Präparate eine geeignete Medikation dar, die sich bei empfindlichen Seglern bewähren kann. Die Einnahme dieser Medikamente beginnt einen Tag vor Reiseantritt.
Eine andere Option sind Antihistaminika auf Basis der Wirkstoffe Dimenhydrinat, Betahistidin und Meclozin. Die darauf basierenden Präparate liegen häufig wahlweise in den Darreichungsformen Tabletten, Zäpfchen und Kaugummis vor. Die Kaugummis wirken besonders schnell, so dass sie auch bei einer langsam akut werdenden Seekrankheit Linderung verschaffen können. Gemeinsam ist den Antihistaminika, dass sie müde machen können, möglicherweise in einem Umfang, dass die Segler verantwortungsvolle Aufgaben an Bord nicht mehr wahrnehmen können. Andererseits ist ein seekranker Skipper auch keine große Hilfe an Bord. Letztlich müssen die Segler selbst ausprobieren und entscheiden, ob sie medikamentöse Unterstützung benötigen, und wenn ja, welches Präparat ihnen am besten hilft.
Daneben gibt es noch einige Verhaltensweisen, die eine bereits ausgebrochene Seekrankheit lindern können:
- günstig ist ein Aufenthaltsort in der Mitte des Schiffs, da dort die Schwankungen am geringsten sind
- nach vorne in Fahrtrichtung schauen und den Blick auf den Horizont richten
- Motoren- und Küchengerüche meiden
- so lange wie möglich an der frischen Luft und körperlich aktiv bleiben
- bei kleinen Yachten selbst das Ruder bedienen
- Alkohol und schweres Essen meiden
- bei stärkeren Symptomen mit Erbrechen liegend ruhen, möglichst in Schiffsmitte, dabei in regelmäßigen, kleinen Mengen viel trinken (Dehydrierung verhindern)