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Quo vadis Arztberuf?
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06. Februar 2008
Interview mit dem Medizinsoziologen Professor Dr. med. Jürgen von Troschke

Medicus
Rationalisierung und Qualitätskontrollen stoßen unter den Ärzten auf starke Kritik. Evidenzbasierte Medizin ist andererseits ein fundamentales Anliegen der Wissenschaft und der Mangel an Wirksamkeitsnachweisen und standardisierten Verfahren ist mit der größte Kritikpunkt an alternativen Heilverfahren. Warum trifft der strikte Rahmen für die ärztliche Tätigkeit dennoch auf so viel Widerstand?

Prof. Dr. Troschke
Die dynamischen Veränderungen im System der Gesundheitsversorgung, insbesondere in den vergangenen 20 Jahren, haben dazu geführt, dass die praktizierenden Ärzte in ihrem professionellen Selbstverständnis zunehmend verunsichert wurden. Die Freiheit ärztlichen Handelns wurde zugunsten vielfältiger Kontrollmaßnahmen zurückgedrängt. Dementsprechend sind innerhalb der Ärzteschaft die Vorbehalte gegenüber gesundheitspolitischen Reformen gewachsen. 

Damit werden die weit verbreiteten Widerstände gegenüber Programmen zur Evidenzbasierung der medizinischen Praxis nachvollziehbar. Befürchten doch viele Ärzte einen Missbrauch der Normierung medizinischen Handelns, die Relativierung der individuellen Arzt-Patienten-Beziehung sowie Bürokratisierungen aller Art. Kurzum die Abwehr ist nachvollziehbar, aber deshalb nicht unbedingt sinnvoll. Vielmehr kommt es darauf an, sich neu zu positionieren und ein neues professionelles Selbstverständnis aufzubauen, zu dem selbstverständlich auch die Verpflichtung zur Orientierung am aktuellen Stand der jeweils verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse gehört.

Medicus
Sie sind Autor des Buches „Die Kunst ein guter Arzt zu werden“. Was sind vor diesem Hintergrund Ihre größten Kritikpunkte und Anregungen hinsichtlich der Imagediskussion? Sie kritisieren beispielsweise, dass es um mehr gehen müsse, als um möglichst gute Dienstleistung für möglichst viel Geld. Fehlen den Ärzten heute Ihrer Meinung nach die Ideale?

Prof. Dr. Troschke
Meine Vorfahren mütterlicherseits haben über viele Generationen hinweg den Beruf des Hausarztes ausgeübt. Ihr Selbstwertgefühl speiste sich einerseits aus dem Wissen darum, eine wichtige und allgemein anerkannte Aufgabe wahrzunehmen sowie andererseits aus den vielfältigen Erfahrungen der Dankbarkeit ihrer Patienten. Bedauerlicherweise hat die allgemeine Überbewertung des Geldes auch den Arztberuf infiziert und damit nicht nur zur Abwertung traditioneller Gratifikationen, sondern auch zur wachsenden Unzufriedenheit beigetragen. 

Selbstverständlich vertreten viele Ärzte auch heute noch die Ideale, die den hervorgehobenen sozialen Status des Berufsstandes begründet haben. Trotzdem ist festzustellen, dass der Glaube daran und die Bedeutung für den Alltag stark zurückgegangen sind. Deshalb habe ich in meinem Buch eine Vielzahl von Gründen zusammengestellt, die nicht nur angehenden Ärzten Mut und Zuversicht vermitteln können, auch in unserer Zeit die besonderen Chancen dieses Berufsstandes für eine sinnvolle Lebensgestaltung wieder zu erkennen und zu nutzen.

Medicus
Fortschritte in Wissenschaft und Technik haben im Arztberuf zu zunehmender Spezialisierung gezwungen. Die Brücken schlägt die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Liegt es da nicht auf der Hand, dass ärztliche Tätigkeit mehr zur Dienstleistung wird als früher, wo der Arzt von der Diagnose bis zur Nachbetreuung alles selbst in der Hand hatte und den Patienten seit der Geburt kannte? Ist es nicht nostalgisch, bei dem hohen Medizinstandard heute gleichzeitig im Arzt den Seelsorger und Vertrauten zu fordern?

Prof. Dr. Troschke
Die Spezialisierung in der Gesundheitsversorgung der modernen Gesellschaft hat dazu geführt, dass die verschiedenen ärztlichen Berufsfelder nur noch wenig Gemeinsamkeiten aufweisen. Eine Vielzahl nichtärztlicher Gesundheitsberufe hat sich entwickelt, deren Aus- und Weiterbildung derzeit akademisiert und damit den Ärzten gleichgestellt wird.

Dementsprechend wurde in der Schweiz die ärztliche Ausbildung auf BA- und MA-Studiengänge umgestellt, mit Möglichkeiten zur frühzeitigen Spezialisierung sowie die Zusammenführung mit den Studiengängen anderer   Gesundheitsberufe in gemeinsam zu absolvierenden Modulen. Die Entwicklung wird dahingehend, dass „Generalisten“ in der Grundversorgung, etwa Hausärzte als Gatekeeper, mit „Spezialisten“ verschiedener   Gesundheitsberufe zusammenarbeiten. Auch wenn eine empathische Grundhaltung für alle in der Gesundheitsversorgung tätigen notwendig ist, so wird auch die Spezialisierung, bezogen auf die Befriedigung der psychosozialen Versorgungsbedürfnisse von Patienten, zunehmen.

Medicus
Ist das angesichts der hohen Bournoutquote ((Link)) unter den Ärzten, wegen hoher Arbeitsstundenzahl und wegen der hohen sozial-emotionalen Einbindung im Beruf, nicht zu befürworten, da es eine Entlastung ist?

Prof. Dr. Troschke
Wir wissen alle, dass es nicht allein auf die Höhe der Arbeitsbelastung ankommt, sondern gleichermaßen auf die damit verbundenen Gratifikationen. Das derzeitige Problem im Berufsstand der Ärzte ist die offenkundige Diskrepanz zwischen den Arbeitsleistungen auf der einen Seite und die subjektive Bewertung der dafür erhaltenen Gratifikationen auf der anderen Seite. Ärztliches Handeln ist eigentlich unbezahlbar und wurde deshalb schon immer mit einem Honorar, mit „Ehrensold“, belohnt. Wir, die wir viel – vielleicht sogar viel zu viel – arbeiten, sind selbst dafür verantwortlich, uns auf diejenigen Gratifikationen zu konzentrieren, die uns die notwendigen Befriedigungen vermitteln können. Dazu gehören in besonderem Maße die humanistischen Aspekte ärztlichen Handelns.



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