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Interview mit Dr. med. Christian Hohenstein
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13. August 2008
Risiken erkennen und minimieren

Medicus
Seit wann besteht das CIRS für die Notfallmedizin?

Dr. med. Christian Hohenstein
Die Website besteht seit Ende 2005 für den präklinischen Bereich und seit Mai 2008 auch für den klinischen Bereich. Der klinische Bereich ist noch so neu, dass er auf die Loginfunktion beschränkt ist, so dass Kliniken bisher nur ihr klinikeigenes CIRS nutzen können. Eine Erweiterung wie im präklinischen Bereich ist geplant.

Medicus
Wie wird das Meldesystem angenommen? 

Dr. med. Christian Hohenstein
Es wird wesentlich besser angenommen als ursprünglich gedacht. Wir sind deutschlandweit die Seite mit den meisten Meldungen im Notfallbereich und möglicherweise sogar weltweit mit an der Spitze. Dies liegt allerdings eher daran, dass in den anderen Ländern eine notfallspezifische Seite noch nicht existiert. Ich kenne viele Kollegen, die regelmäßig reinschauen und auch per Mail erhalte ich viel Rückmeldung, dass dies eine gute Lektüre ist. Gleichzeitig dient es dazu, die Lehre zu verbessern und Leitlinien nochmals anhand von Beispielen aufzuarbeiten.

Medicus
Andere medizinische Meldesysteme haben sich im Ausland weitaus früher etabliert, beispielsweise in den USA, in Kanada, Australien und Großbritannien. Woran liegt es, dass in Deutschland umgekehrt die Notfallmedizin Vorreiter ist?

Dr. med. Christian Hohenstein
Das ist eine gute Frage. Wir hatten in diesem Fall offenbar früher die Idee. Auf Notfallkongressen in den USA wurde über CIRS als zukünftige Notwendigkeit berichtet, als unser System schon lief.

Medicus
Wie können Notärzte die CIRS-Erfahrung optimal nutzen und sich einbringen? Reicht es zu melden und das Archiv zu lesen? Gibt es einen anonymen Austausch?

Dr. med. Christian Hohenstein
Man kann CIRS auf zwei Seiten nutzen: Erstens kann man Fälle lesen und daraus für sich selber Rückschlüsse ziehen. Zwei Drittel aller Reporter handelt in der Zukunft in einer ähnlichen Situation anders – davon kann jeder profitieren. Weiter kann man im Rahmen des eigenen Rettungsdienstes das CIRS einführen und die Loginfunktion nutzen. So können Risiken im eigenen Rettungsdienstbereich erkannt und vor Ort durch Änderungen minimiert werden. Einen anonymen Austausch zu Fällen möchten wir auf keinen Fall, da wir die Kommentare auf einem entsprechenden Niveau halten möchten. Es gibt diese Seiten, die erstens schnell einschlafen und wo zweitens die Kommentare im Rahmen des interindividuellen Gedankenaustauschs wissenschaftlich nicht korrekt sind.

Medicus
Wäre es nicht sinnvoll, den Umgang mit dem CIRS flächendeckend in die Schulung zu integrieren. Nicht nur zur Erhöhung der Nutzerfrequenz und damit zur aktiven Verbesserung der Sicherheit, auch als eine Art persönliche Entlastungsmöglichkeit.

Dr. med. Christian Hohenstein
Ja, das wäre natürlich sinnvoll. Ansätze hierzu gibt es bereits.

Medicus
Reicht ein CIRS als Risikomanagement? Was könnte noch zur Risikominimierung beitragen?

Dr. med. Christian Hohenstein
CIRS ist nicht gleich Risikomanagement, CIRS ist nur ein winziger Teil davon. Weitere Faktoren zur Risikominimierung wären einen eigenen Vortrag wert. Im Risikomanagement ist es notwendig, alle möglichen Risiken zu erkennen (und das sind viele), diese in der Wichtigkeit zu sortieren und dann Präventionsstrategien für jedes einzelne Risiko zu entwickeln. CIRS kann nur Anstöße zu einem Risikomanagement bieten. Wichtig ist, dass es einen „Riskmanager“ gibt, der die Verantwortung trägt, Dinge im System zu ändern. Ein Kollektivdenken bringt hier wenig.

Medicus
Was wünschen Sie sich für das CIRS in der Zukunft?

Dr. med. Christian Hohenstein
Das CIRS der Zukunft ist, dass es kein CIRS gibt, weil Zwischenfälle nicht mehr anonym gemeldet werden brauchen. In dem Moment, in dem Einzelpersonen nicht mehr als die Schuldigen angesehen werden, auf die man mit dem Finger zeigt, hätte sich das CIRS erübrigt. Das wäre mein Wunsch für die Zukunft. Noch brauchen wir aber CIRS. Jeder Rettungsdienst bräuchte entsprechend sein eigenes CIRS und sollte ein Login besitzen. Außerdem wünsche ich mir Verbesserungen in der Schulung: Momentan sind viele Notärzte in Deutschland unzureichend qualifiziert und bei lebensbedrohlichen Zuständen überfordert.

Medicus
Freiwilligkeit der Meldungen und Anonymität lassen keinen statistisch relevanten Rückschluss auf tatsächliche Häufigkeiten von Zwischenfällen zu? Andererseits häufen sich im Archiv, dem Fundus der CIRS Homepage, z.B. Zwischenfälle beim Airwaymanagement oder solche aufgrund technischer Probleme. Unter „Kindernotfälle“ findet man dagegen nur wenige Dokumentationen. Lässt das Rückschlüsse zu? Können Sie so, wenn auch nicht in verbindlichen Zahlen, Aussagen machen, wo es in der Notfallmedizin gehäuft zu Problemen kommt.

Dr. med. Christian Hohenstein
Das ist eine Schwachstelle des CIRS. Gehäufte Probleme werden oft gar nicht als solche erkannt (daher sind sie ja gehäuft) - und somit auch nicht gemeldet. Seltene Ereignisse dagegen werden besonders häufig gemeldet, was sie nicht unwichtig macht. Eine Statistik lässt sich nicht ableiten. Ebenso werden Ereignisse mit besonders schwerer Folge eher berichtet, daher die relativ hohe Eingabe von Fällen im Airwaymanagement, obwohl banale Zwischenfälle zahlenmäßig am häufigsten sind und für uns noch dazu extrem wichtig. Nur durch die Verringerung von banalen Zwischenfällen können auch schwere Zwischenfälle vermieden werden. Bei den uns gemeldeten Fällen handelt es sich oft gar nicht um einen singulären Zwischenfall, sondern schon um eine Verkettung. Ehrlich gesagt ist unser CIRS zurzeit eher ein AERS - adverse event reporting system.

Medicus
Hat das CIRS in der Notfallmedizin schon konkret etwas bewirken können?

Dr. med. Christian Hohenstein
Ja, auf jeden Fall Problembewusstsein. Ich erhalte viele Mails von Kollegen, die von den Beispielen etwas für die Praxis lernen. Viele ärztliche Leiter im Rettungsdienst sind an einem Login für ihren Rettungsdienstbereich interessiert. An einigen Standorten haben Verantwortliche Dinge geändert, zum Beispiel alternatives Airwaymanagement eingeführt oder Medikamente wegen Verwechslungsgefahr heraus genommen.

Medicus
Riskiert das Link „Fallbeispiele“ nicht eine Rekonstruktion der Situation mit Beteiligten. Wie sicher ist CIRS? Ist Anonymität wirklich garantiert?

Dr. med. Christian Hohenstein
Niemand kann nachweisen, ob der Fall, der Ähnlichkeiten aufweist, tatsächlich der ist, bei dem nachgeforscht wird. Wir ändern zudem grundsätzlich gewisse Dinge ab. Und natürlich ist es so, das jeder Fall etlichen Fällen ähnelt. Tritt irgendwo in einem System ein bestimmter Fehler auf, so tritt er woanders auch und wiederholt auf. Das ist ein Prinzip bei Unfällen. Sollte CIRS ein einziges Mal zu juristischen Konsequenzen führen, so ist das System gestorben. Bisher ist nirgends ein solcher Fall bekannt.

Medicus
Was verbirgt sich hinter dem Angebot auf der Homepage, ein „eigenes“ CIRS für den jeweiligen Rettungsdienstbereich einzurichten?   Kann innerhalb eines Rettungsdienstes Anonymität bestehen. Hier kennt doch jeder jeden und jeden Fall.

Dr. med. Christian Hohenstein
Natürlich kann auch hier Anonymität herrschen, wenn der Fall entsprechend von einem Riskmanager oder nennen wir es Vertrauensperson bearbeitet wird. Einzigartige Fälle in einem kleinen Rettungsdienstbereich dürfen nicht so wieder gegeben werden, wie sie abliefen. Es geht letztendlich um den kritischen Zwischenfall eines Einsatzes, sodass man bei spektakulären Verläufen den Einsatzablauf abändern muss. Wenn man trotzdem Rückschlüsse ziehen kann, bleibt der Fall geschlossen. Dennoch kann es am sogenannten „scharfen Ende“ auch hier zu Änderungen im System kommen. Kam es zum Beispiel bei einer Säuglingsreanimation zu einer Medikamentenverwechslung, so kann trotzdem, auch ohne Beschreibung des Falles, eine Änderung im System vorgenommen werden. Sehr spektakuläre Fälle sind sowieso im Rettungsdienst meist viel hin- und herdiskutiert und damit schon öffentlich.

Medicus
Gibt es für Notärzte noch andere Möglichkeiten des Risikomanagements? 

Dr. med. Christian Hohenstein
Für die Notfall- und Rettungsmedizin gibt es meines Wissens nur unsere Seite. Auch PASOS aus Tübingen behandelt Fälle aus der Notfallmedizin, konzentriert sich aber mehr auf die Anästhesie und Intensivmedizin. Ansonsten sind natürlich andere Seiten wie CIRSmedical oder PASOS/PASIS interessant, sofern man in der Allgemeinmedizin oder Anästhesie tätig ist. Bezüglich des Risikomanagements in der Notfallmedizin – und CIRS ist ja nur ein winziger Teil im Risikomanagement! – gibt es im deutschsprachigen Raum auch kaum Literatur. Es ist noch ein schwarzes Loch. Allgemeines Risikomanagement kann man allerdings immerhin noch als Extra-Fortbildung, zum Beispiel bei der Bayerischen Landesärztekammer, belegen. 



“Critical Incident Reporting System” in der Notfallmedizin
Geschichte des CIRS
Fehleranalyse in der Notfallmedizin
Arzthaftung
Interview mit Dr. med. Christian Hohenstein
Literatur und Links
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