Medicus
Herr Dr. Kalvelage, Sie sind der Meinung, dass Ärztestreiks keinen Einfluss auf das Bild des Arztes in der Öffentlichkeit haben. Hinterlässt denn ein Arzt, der sich weigert zu arbeiten, nicht immer auch einen Hauch von Angst, weil es im schlimmsten Fall um die eigene bedrohte Existenz geht. Was führt Sie zu der Annahme, dass das bei den Patienten ohne Folgen bleibt?
Dr. Kalvelage
Man muss unterscheiden: Der Streik der Krankenhausärzte war eine legitime Tarifauseinandersetzung zwischen Ärzten und Arbeitgebern mit geregelter Notfallversorgung. Der Streik der niedergelassenen Ärzte dagegen war ein Patientenboykott. Freiberufler können nicht streiken. Die gezielte, oft unangekündigte „Aussperrung der Patienten" war entlarvend. Patienten sollten meiner Meinung nach als „Geiseln“ missbraucht werden, um der Regierung eigennützige Zugeständnisse abzupressen. Bezeichnend ist, dass die Öffentlichkeit von den Ärzten gar nichts anderes mehr erwartet hatte.
Medicus
Worauf beruht Ihrer Meinung nach dann der Wandel des Arztimages?
Dr. Kalvelage
Die moderne Medizin ist technischer, präziser, effektiver geworden, der Arzt mehr Techniker, Wissenschaftler, Manager. Viele Patienten sind damit zufrieden, solange alles klappt wie versprochen. Wenn wir uns alle damit zufrieden geben, wird der fürsorgliche, empathische, zuhörende Heiler bald der Heilpraktiker oder ein Schamane sein. Der Preis der Perfektion ist allerdings in Form der steigenden Krankenkassenbeiträge und Zuzahlungen zu entrichten. Und da zeigt sich dann, dass es neben der Effektivität große ungelöste schichtspezifische Versorgungsprobleme gibt. Arme sterben früher. Probleme, die nicht technisch lösbar sind und Ärzte mit psychosozialer Kompetenz erfordern. Viele Medizinstudenten wissen heute nicht mehr, was das ist.
Medicus
Auch die Zwei-Klassen-Medizin ist immer wieder Inhalt der Streikdiskussion. Diese sei aber „keine Folge der Gesundheitsreform, sondern begründe sich darauf, dass Ärzte Medikamente verweigern, aus Angst ihr Budget zu überschreiten“. Mit dieser Aussage stießen Sie auf dem diesjährigen Ethikseminar der Hamburger Klinik Eppendorf viele Ihrer Kollegen hart vor den Kopf. Letztlich ist eine Arztpraxis auch ein betriebswirtschaftliches Unternehmen, in dem die Bilanz stimmen muss. Lässt sich die Zwei-Klassen-Medizin unter den gegebenen Umständen überhaupt vermeiden? Wie gehen Sie damit um?
Dr. Kalvelage
Keine Regierung, kein Gesundheitsminister konnte oder kann mich zwingen, Arme schlechter ärztlich zu behandeln als Reiche. Der Vorwurf der Klassenmedizin ist also eine grandiose Projektion der Schuld mancher Ärzte auf die Politik, Patienten schlecht zu versorgen.
Ich praktiziere seit 22 Jahren mit zirka 50 anderen Kolleginnen in Hamburg-Wilhelmsburg, einem Arbeiterstadtteil ohne lukrative Privatpatienten. Natürlich würden wir gerne mehr Honorar erhalten, aber unsere Praxen sind nicht bankrott und kein Gesetz oder Budget zwingt uns, unsere Patienten zweitklassig zu behandeln. Nebenbei: Die jährlich 25 Milliarden Ärztehonorare der GKV werden durch die Kassenärztlichen Vereinigungen völlig ungerecht verteilt. Nach Berlin zum Ärztestreik sind auch solche Kollegen gefahren, die Einkommensmillionäre sind. Es fiel mir und vielen Kollegen schwer, uns da „solidarisch" einzureihen.
Medicus
Statt der oppositionellen Haltung zur Reform wünschen Sie sich einen lauteren Streik gegen die ärztliche Standespolitik? Was erhoffen Sie sich davon?
Dr. Kalvelage
Die ärztliche Standespolitik hat in den letzten 20 Jahren den verheerenden Eindruck erweckt, die Ärzteschaft sei nur eine der vielen Lobbys, die ihre Interessen ohne soziale Verantwortung in der Gesellschaft durchsetzen. Sei es durch unsoziale Forderungen, wie das Sachleistungsprinzip durch die Kostenerstattung zu ersetzen, das heißt, der Patient geht in Vorleistung und erhält den Kostenanteil von der Krankenkasse zurück. Sei es mit verlogenen Argumenten, wie das Praxisbudget für Medikamente - das es niemals gab - sei erschöpft, deshalb könne der Patient seine Medikamente nicht mehr erhalten. Sei es mit peinlichen Aktionen, wie bezahlte Statisten im weißen Kittel vor dem Berliner Reichstag als Ärzte demonstrierend oder sei es durch die Zulassung der überwiegend profitorientierten IGeL-Medizin in den Arztpraxen.
Angst vor schlimmen Krankheiten ist nicht mehr Anlass für Aufklärung, gründliche Untersuchung und Entängstigung des besorgten Gesunden, sondern könnte zur wach zu haltenden Geschäftsgrundlage der IGeL-Praxis werden. Ärztliches Charisma erodiert, Hypochondrie und Placebo-Medizin werden hoffähig. Das Heilungsprivileg, das die Gesellschaft dem Ärztestand anvertraut hat, wird jeglicher gesellschaftlicher und wissenschaftlicher (!) Kontrolle entzogen. Mr. Hyde und Dr. Jekyll praktizieren in einer Gemeinschaftspraxis!
Opposition dagegen ist von der Hoffnung getragen, es gäbe noch genügend anständige Ärzte und genügend kritische Bürger, die streitbar eintreten für das alte Solidaritätsprinzip.