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Verletzungsmuster bei Stromunfällen
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10. Januar 2006

Da die relevanten physikalischen Stromkomponenten so variabel sind, ist es kaum möglich „die" klassischen Symptome eines Stromunfalls zu nennen. Die Symptome sind vielfältig und von Fall zu Fall anders kombiniert und müssen je nach Situation vom Notarzt vor Ort analysiert werden. Innere Verletzungen sind außerhalb des Krankenhauses kaum abzuklären, müssen aber situationsbedingt vermutet werden. Strommarken geben gegebenenfalls Aufschluss über die Fließwege des Stroms im Körper und damit über mögliche betroffene Organe. Wichtig ist auch ein Augenmerk für mögliche Sekundärverletzungen, z.B. HWS-Verletzungen oder Schädel-Hirn-Traumen nach Stürzen.

Haut: Neben den Strommarken kann die Haut durch lang einwirkende Niederspannung oder durch Hochspannungsunfälle unterschiedliche Verbrennungsgrade bis hin zur Verkohlung aufweisen. Brennende Kleidung hinterlässt dabei indirekt oft schwerere Verbrennungen als der Strom selbst.

Muskeln: Da die elektrischen Impulse Beuge- und Streckmuskeln unkontrolliert aktivieren, kann es „Muskelkater“, aber auch zu Bänder- und Muskelrupturen kommen. Bei Stromstärken ab 25mA bewirkt die Aktivierung der meistens stärkeren Beugemuskeln, dass der Betroffene nicht mehr loslassen kann. Verbrennungen ergeben Muskelnekrosen. Weil die Knochen den größten Widerstand bieten, erwärmen sie sich besonders stark, was zu Verbrennungen des Periosts inklusive des anliegenden Muskels führen kann. Die nekrotisierenden Gewebe setzen große Mengen an Myoglobin, denaturierten Proteinen und anderen Zellzerfallsprodukten frei (siehe auch Nierenschäden). Nach außen sind die Personen oft unauffällig. Bei derartigen Schäden muss aber mit der Entwicklung eines Kompartmentsyndroms gerechnet werden. Eine Myoglobinurie über mehr als sechs Stunden ist ein häufiger Amputationsgrund.

Knochen: Die unkontrollierten Muskelbewegungen können zu Gelenkluxationen und Frakturen führen.

Blutgefäße: Blutgefäße sind mit ihrem hohen Flüssigkeits- und Elektrolytgehalt die idealen Stromleiter. Als Folge können arterielle Spasmen bis hin zu Gefäßrissen entstehen. Bei hohen Temperaturen gerinnt das Blut und bildet gefährliche Thromben.

Periphere Nerven: Auch Nervenzellen sind hervorragende Stromleiter. Resultierende Symptome, wie Paralysen, sind zum Glück oft nur von kurzer Dauer und gehen meistens auf temporäre Ödeme zurück. Entstehen unter der Strombelastung Nekrosen bleiben die Störungen länger (Latenzzeiten von sechs bis 12 Monaten sind möglich) oder dauerhaft und können entsprechend Muskelatrophien nach sich ziehen, Sensibilitätsstörungen, neuropathische Missempfindungen oder mehr oder weniger transiente Störungen des autonomen Nervensystems (z.B. Hypertonie, Pupillenstörungen, Darm- oder Blasenstörungen). 

Ohren: Die elektrische Entladung bei Hochspannungsunfällen erfolgt oft explosionsartig und die Druckwelle kann Knalltraumen hinterlassen, mit Ohrensausen oder Taubheit durch Trommelfellriss.

Nieren: Nierenschäden sind häufig, treten aber oft erst verzögert auf. Die Aufgabe des Notarztes besteht in der Prophylaxe. Die Schädigung erfolgt selten direkt, durch den Strom, häufiger durch den provozierten Kreislaufzusammenbruch mit Minderdurchblutung und der Anhäufung von Myoglobin und denaturierten Proteinen bei Muskelnekrosen (Crushsyndrom). Ohne Behandlung kann das schnell zu Nierenversagen und, durch die erhöhte Kaliumfreisetzung aus den zerstörten Gewebezellen, zu lebensbedrohlichen Situationen führen.

ZNS: ZNS-Symptome reichen von Blutdruckanstieg, Unruhe, Verwirrtheit und Übelkeit bis zu zerebralen Krampfanfällen. Direkter Stromfluss durch das Gehirn kann zerebrale Krampfanfälle oder Bewusstlosigkeit schon mit geringen Stromstärken (ab 200mA) auslösen. Höhere Stromstärken können das Gewebe verkochen, wobei der daraus resultierende Druckanstieg sogar zur Sprengung der Kalotte führen kann. Neurologische Ausfälle erhöhen immer auch das Risiko für Begleitverletzungen, z.B. durch Stürze.

Atmung: Thorakale Verbrennungen können die Atmung mechanisch behindern, ebenso können aber auch direkte Einflüsse des Stroms auf das Zwerchfell, die Atemhilfsmuskulatur oder auf relevante Nerven Atemstörungen verursachen. Höhere Stromstärken lösen durch die Dauerkontraktion der Atemmuskeln häufig Atemstillstand aus.

Herz: Hier spielt vor allem die elektrophysiologische Reizwirkung des Stroms eine Rolle. Störungen der kardialen Reizbildung und Reizleitung sind die Haupttodesursache bei Stromunfällen. Unfälle im Haushalt stehen dabei ganz vorn. Sie sind statistisch am häufigsten. Zum einen können hier auch bei niedrigen Widerständen hohe Stromstärken fließen und der Haushaltsstrom (230V), der 50 mal pro Sekunde die Fließrichtung wechselt, wirkt stark arrhythmogen. Liegt das Herz in der Stromachse, bewirken oft bereits niedrige Stromstärken reversible Sinustachykardien. Ab 25 mA ist mit Extrasystolen und diversen Blockbildern zu rechnen. Im EKG sind oft Veränderungen bis zu Infarktzeichen zu erkennen, die von einer „Angina electrica" mit retrosternalen Schmerzen, Atemnot und Todesangst begleitet sein können. Die Angina electrica ist meistens innerhalb weniger Stunden oder Tage selbstlimitierend und ist durch einen strominduzierten Koronarvasospasmus zu erklären. Ab 80mA tritt Kreislaufstillstand ein, der sich meistens initial als Kammerflimmern manifestiert. Deutlich höhere Stromstärken (mehr als 10 A) induzieren häufiger eine primäre Asystolie.


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