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 | Reportage: Dr. med. Tina Klusmeier im Sudan | |
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| 05. Dezember 2007 |
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| Es gab viele Glücksmomente |
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„Erst war nur ein Brummen zu hören. Es wurde lauter und lauter. Ich suchte den Himmel ab. Dann sah ich zwei Jagdflugzeuge. Ich warf mich flach auf den Boden. Neben mir lag die Hebamme. Es gab eine Explosion. Die Erde bebte. Ein ohrenbetäubender Knall jagte den nächsten. Dann hörte ich Schreie. Die Schule in der Nähe des Krankenhauses, in dem ich als Ärztin arbeitete, war getroffen. Eltern brachten ihre verletzten Kinder mit starken Blutungen und abgetrennten Gliedmaßen. Wir mussten Wunden versorgen und amputieren. Einige starben noch beim Transport. Letztlich zählten wir 21 tote Kinder, etliche tote Lehrkräfte und viele schwere Verletzungen. Die ganze Nacht hallten die Schreie der trauernden Eltern von den Bergen wider. Die Kinder waren zu schockiert, um zu schreien. Einige waren gerade mal 6 Jahre alt. Dabei gab es außer der Schule und dem Krankenhaus nichts, was es hier in den entlegenden Nuba-Bergen des Sudans zu bombardieren gab.“ Die Ärztin Tina Klusmeier aus Kaufingen bei Kassel war 1999 mit Cap Anamur sechs Monate im Süden vom Sudan, im damaligen Grenzgebiet zwischen der islamischen Regierung im Norden und den für ihre Unabhängigkeit kämpfenden Rebellen im Süden. Der Bürgerkrieg tobte hier seit Jahrzehnten. „Eigentlich wollte ich nie in einem Bürgerkriegsland arbeiten. Ich bin keine Heldin. Aber seit Beginn meines Medizinstudiums wollte ich Entwicklungshilfe leisten und ich war nach meiner Ausbildung zur Allgemeinärztin bereits zwei Monate auf den Philippinen gewesen. Ich traute mir das Projekt zu und ich wollte es irgendwie auch wissen. Ich wollte was Besonderes machen, etwas Horizonterweiterndes. Ich wollte dorthin, wo Hilfe wirklich nötig ist. Zum Glück waren das die einzigen Regierungsbomben, die uns in dem halben Jahr trafen, als ich in den Nuba-Bergen arbeitete. Hier, mitten in der Savanne, in einem Gebiet etwas größer als Bayern, war ich die einzige Ärztin, musste das Krankenhaus leiten, Transporte und Medikamente selbst organisieren, operieren, versorgen, Diagnosen stellen - fünf Tage Fußmarsch vom nächsten Flugplatz entfernt. Es gab kein fließend Wasser, keinen Strom, kein Telefon, keinen Ultraschall und keinen Oberarzt, den ich im Notfall hätte fragen können.Das hört sich beängstigend an, aber es war toll – eine einmalige Erfahrung." Fünf Tage Fußmarsch, schweres Gepäck, 35 Grad
Während die junge Ärztin bei ihrem ersten Auslandsaufenthalt auf den Philippinen mit straffer Organisation und vielen standardisierten Abläufen aufgefangen wurde, verlangte man ihr im Sudan viel Eigenverantwortung ab und konfrontierte sie mit einem hohen Maß an Entscheidungsbefugnis. Klusmeier: „Wir, das Team aus zwei Krankenpflegern, einer Hebamme und mir, mussten alles selbst in die Hand nehmen: Medizin ordern, Impfstoffe und Kühlkette planen und organisieren, Einkaufen. Wir stimmten einiges kurz mit der Zentrale von Cap Anamur in Köln ab, vieles mussten wir aber auch in Eigenregie entscheiden. Der Einsatz erforderte viel Mut, Eigenständigkeit und Improvisationsvermögen und nicht zuletzt auch eine hohe psychische und physische Belastbarkeit.
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Damals war ich 31 Jahre alt und körperlich fit. Trotzdem kam ich an meine Grenzen. Wir mussten unsere Materialien und Medikamente selbst aus Nairobi besorgen. Dort wurden sie in einen Flieger gepackt und bis auf eine kleine Landepiste im Grenzgebiet vom Sudan geflogen. Von hier mussten wir alles tragen, zu Fuß, bei 35 Grad feuchtwarmer Luft, 80 km Fußmarsch quer durch die Savanne. Die 600 bis 800 Träger trugen die Medikamente in Kühlboxen auf dem Kopf, gegen Kleider als Arbeitslohn. Ich selbst hatte einen Rucksack mit 30 Kilogramm Utensilien. Da es Regenzeit war, steckten wir teils bis zur Hüfte im Matsch oder Wasser. Die Wege waren rutschig.“
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„Weihnachten bekamen wir über diesen Weg Besuch vom Cap Anamur Chef Rupert Neudeck, begleitet von Norbert Blüm und Heiner Geißler“, erzählt Klusmeier. „Die waren ziemlich geschafft, als sie ankamen, aber danach gab es in Deutschland wieder etwas mehr Aufmerksamkeit für dieses Kriegsgebiet. Rund um die Uhr einsatzbereit „Wenn nachts Patienten ankamen, teils nach 10 Tagen Fußmarsch, sprang ich raus aus dem Bett und zog verfaulte Zähne, brachte Babys auf die Welt, spaltete Abszesse und operierte. Für drei Menschen organisierte ich den Transport in grenznahe kenianische Krankenhäuser des Roten Kreuzes: zwei Frauen mit Urogenitalfistel und ständigem Urinverlust nach Beschneidung und ein Soldat mit Bauchdurchschuss. Der Soldat starb, was mich sehr frustrierte. Ich hatte ihn schon zweimal mit Darmresektion operiert, aber seine Hüfte war völlig zertrümmert. Ich war traurig, dass ich sein Leben nicht retten konnte. Aber ich lernte damit umzugehen und es gab auch die andere Seite. Es gab Routine, etwa Patienten mit Wurmerkrankungen, Infekten oder Malaria, und es gab Erlebnisse, die schließlich sehr schön für mich waren.“
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| Rund um die Uhr einsatzbereit |
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„Wenn nachts Patienten ankamen, teils nach 10 Tagen Fußmarsch, sprang ich raus aus dem Bett und zog verfaulte Zähne, brachte Babys auf die Welt, spaltete Abszesse und operierte. Für drei Menschen organisierte ich den Transport in grenznahe kenianische Krankenhäuser des Roten Kreuzes: zwei Frauen mit Urogenitalfistel und ständigem Urinverlust nach Beschneidung und ein Soldat mit Bauchdurchschuss. Der Soldat starb, was mich sehr frustrierte. Ich hatte ihn schon zweimal mit Darmresektion operiert, aber seine Hüfte war völlig zertrümmert. Ich war traurig, dass ich sein Leben nicht retten konnte. Aber ich lernte damit umzugehen und es gab auch die andere Seite. Es gab Routine, etwa Patienten mit Wurmerkrankungen, Infekten oder Malaria, und es gab Erlebnisse, die schließlich sehr schön für mich waren.“
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„Zwei Wochen nach meiner Ankunft kam eine hochschwangere Frau mit Blutungen. Der Strom war ausgefallen. Ich musste einen Kaiserschnitt machen, im trüben Licht einer Taschenlampe. Ich hatte darüber nur in Büchern gelesen und einmal zugesehen. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes. Doch zum Nachdenken blieb keine Zeit. Mutter und Kind wären gestorben. Plötzlich wurde ich ganz ruhig und konzentriert und nach 90 Minuten konnte ich der Mutter ihr kleines Mädchen in den Arm legen. Sie nannte es nach mir, ‚Tina’, was mich sehr ehrte. Es war ein unglaubliches Gefühl. Eigentlich gab es viele Glücksmomente. Etwa wenn ein bewusstloses Kind mit Malaria gebracht wurde und ich es mit einer Chinin-Spritze innerhalb 24 stunden wieder ins Leben zurückholen konnte. Wenn man so ein Kind dann wieder draußen spielen sieht, weiß man, warum man das alles hier macht.“
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Dr. med. Tina Klusmeier arbeitet heute als Allgemeinärztin in einer Gemeinschaftspraxis in Söhrewald bei Kassel und lebt mit Mann und drei Kindern im nahen Kaufingen. Wenn ihre Kinder groß sind und sie dann noch „fit genug ist“, will sie wieder gehen
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