Dr. Ralph-Michael Schulte, niedergelassener Neurologe und Psychiater in Gemmrigheim, ist seit über zwanzig Jahren als Schiffsarzt und Notarzt tätig. Über seine Erfahrungen referiert er auch beim
Centrum Reisemedizin (CRM).
Medicus: Herr Dr. Schulte, was hat Sie bewogen, als Schiffsarzt tätig zu werden?Dr. Schulte: Ich habe mich schon immer für Schiffe interessiert, und es hat mich gereizt, als Notfallmediziner ganz auf mich gestellt zu sein. Als Arzt ein Schiff zu begleiten, ist eine einmalige Chance, eine besondere Form des Arbeitslebens kennen zu lernen.
Medicus: Ein Schiffsarzt muss klinische Erfahrung in Chirurgie und Innerer Medizin nachweisen. Welche speziellen Kenntnisse sind nach Ihrer Erfahrung noch wichtig?Dr. Schulte: Er muss den klassischen medizinischen Notfall beherrschen, wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Bandscheibenvorfall, Lungenödem, Psychosen, Status asthmaticus oder Status epilepticus, und er muss fit in der Reanimation sein. Auf einer meiner letzten Seereisen hat eine Passagierin auf Grund einer Meeresfrüchteallergie einen allergischen Schock erlitten. Da das Schiff im Hafen lag und fast niemand da war, hat mir ein Steward bei der Reanimation der Patientin assistiert. Ein Schiffsarzt braucht zudem Basiskenntnisse in Zahnmedizin. Auch ein breites dermatologisches Wissen ist an Bord gefragt, denn Hauterkrankungen – auch gravierende und ausgefallene – treten auf See häufig auf.
Medicus: Welche medizinischen Probleme kommen noch vor an Bord?Dr. Schulte: Bei der Crew sind es kleine Verletzungen, vor allem in der Küche und durch Maschinen. Schwerere Verletzungen und Stürze gibt es dagegen eher bei Passagieren. Schlecht eingestellte Diabetiker kommen ebenso zu mir wie Herzpatienten, die ihr Therapieregime vernachlässigt oder nicht genügend Medikamente dabei haben.
Wie bei der Notarzttätigkeit an Land, sind auch auf See zahlreiche Notfälle auf psychiatrische oder neurologische Indikationen zurückzuführen: Depressionen, Panikattacken, Psychosen, Suizide, Schlaganfälle, Verwirrtheitszustände und psychosomatische Syndrome. Auch bei der Crew kommt es auf Grund der langen Arbeitszeiten zu Erschöpfungszuständen und reaktiven Depressionen, vor allem am Ende der Reise.
Medicus: Sind bei den psychiatrischen Problemen auch Abhängigkeitssyndrome dabei?Dr. Schulte: Nein, Suchterkrankungen spielen auf See kaum eine Rolle. Bei der Crew würden Abhängigkeitsprobleme schon bei der zweijährigen Untersuchung auffallen, wo mit einer anamnestischen Fragetechnik und Laboruntersuchungen danach gefahndet wird. Auch bei Passagieren habe ich nur ganz selten Suchtstörungen gesehen.
Medicus: Welche persönlichen Eigenschaften sollte ein Schiffsarzt mitbringen?Dr. Schulte: Er muss auf Menschen zugehen können und über Lebenserfahrung verfügen. Auf dem Schiff ist man nicht nur Arzt, sondern auch Psychologe und Sozialarbeiter. Das nimmt heute dreißig Prozent meiner Zeit in Anspruch. Immer mehr alleinstehende Menschen unternehmen eine Kreuzfahrt. Wenn sie krank werden, müssen Transporte koordiniert, Angehörige gesucht und verständigt werden. Das belastet mehr als die kleine Schnittverletzung, die ich mit drei Stichen genäht habe.
Medicus: Wie waren Ihre Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit der Crew?Dr. Schulte: Sehr gut! Man weiß einfach, dass man auf See aufeinander angewiesen ist. Auch an Land habe ich immer Unterstützung gefunden, sei es bei der Zusammenarbeit mit Kollegen, wenn es darum ging, eine außergewöhnliche Untersuchung zu veranlassen, sei es mit Apothekern, wenn es darum ging, ein seltenes Medikament zu beschaffen.
Zunehmend Probleme bereiten mir allerdings die staatlichen Gesundheitssysteme. So wurde beispielsweise in Reykjavik eine von mir gewünschte CT-Untersuchung zunächst abgelehnt – mit dem Hinweis auf die beschränkten Ressourcen.
Medicus: Bei jeder Kreuzfahrt sind Ärzte als Passagiere an Bord. Haben Sie Ihre Kollegen schon um Unterstützung gebeten?Dr. Schulte: Im Ernstfall weiß ich, dass ich darauf zurückgreifen kann. Doch die Kollegen sind froh, wenn Sie Ihre Reise ungestört genießen können. Ich habe nur ein einziges Mal einen jungen Zahnarzt um Hilfe gebeten. Er hat bei einer Patientin mit vehementen Zahnschmerzen eine Wurzelfüllung vorgenommen. Die Behandlung haben wir mit einer Flasche Champagner liquidiert.
Medicus: Herr Dr. Schulte, Sie fahren seit zweiundzwanzig Jahren auf Fluss- und Seekreuzfahrten mit. Was raten Sie Kollegen, die sich mit dem Gedanken tragen, sich als Schiffsarzt zu bewerben?Dr. Schulte: Man muss auf jeden Fall mehrere Reisen begleiten; die erste braucht man zum Eingewöhnen. Mehr als sechs bis acht Wochen im Jahr zu fahren, empfehle ich allerdings auch nicht. Dann wird es eintönig.
Medicus: Welches Fazit ziehen Sie aus Ihren Reisen für sich?Dr. Schulte: Es macht Spaß. Ich werde auch weiterfahren!