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Interview
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10. Juli 2006
"In Zeiten knapper Kassen können wir nicht alle Wünsche realisieren"

Prof. Dr. Peter Sefrin ist Arzt für Anästhesie und Notfallmedizin und seit 1969 am Institut für Anästhesiologie der Universität Würzburg tätig. Durch mehr als 300 wissenschaftliche Veröffentlichungen und mehrere Bücher machte er sich einen Namen als einer der führenden deutschen Forscher zum Thema Rettungswesen, Katastrophen- und Notfallmedizin. 1981 gründete er die "Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte" (agbn), die sich für optimale Arbeitsbedingungen für Notärztinnen und Notärzte und für deren praxisnahe Fortbildung einsetzt. Wegen seines Engagements für die Notfallmedizin wurde Peter Sefrin mit vielen Auszeichnungen bedacht, so 1986 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande. 1996 erhielt er die Professur für Präklinische Notfallmedizin an der Universität Würzburg, die erste ihrer Art in Deutschland. Mit Prof. Sefrin sprach Medicus-Autor Hellmuth Nordwig.

Medicus: Ein Notarzt im Rettungsdienst hat heute eine Reihe technischer Diagnosemöglichkeiten. Sind die fünf Sinne weniger wichtig geworden?

Prof. Sefrin: Die fünf Sinne sind immer noch das wichtigste Diagnoseinstrument für den Notarzt. Denn der Aspekt des Patienten, das Auskultieren und die Perkussion sind gerade zur Beurteilung einer Notsituation unverzichtbar. Ein Beispiel: Sie werden zu einem Patienten gerufen, der unter zunehmender Atemnot leidet. Sie finden ihn schwer atmend, schweißgebadet, mit deutlich blau angelaufenen Lippen und Beinödemen vor. Rasselnd-brodelnde Geräusche über der Lunge können Sie sogar ohne Stethoskop hören, die Herzfrequenz ist ebenfalls deutlich erhöht. Allein durch diese sorgfältige Wahrnehmung müsste bereits der Verdacht auf ein Lungenödem auf Grund einer akuten Herzinsuffizienz bestehen. Natürlich werden Sie diesen Verdacht noch durch die Messung der Sauerstoffsättigung und des Blutdrucks erhärten, bevor Sie mit der Therapie beginnen.

Medicus: In welchen Fällen sind Geräte für die Diagnose unabdingbar?

Prof. Sefrin: Vor allem bei kardialen Notfällen. Zum Beispiel kann ein akuter Myokardinfarkt ganz sicher nur durch das Ableiten eines EKGs diagnostiziert werden. Wichtig ist für uns auch die Pulsoxymetrie geworden, die uns seit etwa 10 Jahren zur Verfügung steht. Diese Messung der arteriellen Sauerstoffsättigung erleichtert in vielen Fällen die Frühdiagnostik, wie schon das genannte Beispiel zeigt. Zunehmend wird auch die Kapnometrie eingesetzt, also die Messung des Kohlendioxid-Parzialdrucks in der ausgeatmeten Luft. Dieses Verfahren erleichtert nicht nur die Überwachung der Beatmung, sondern hilft auch die Frage zu beantworten, ob der Tubus richtig liegt. Auch der Erfolg einer Reanimation lässt sich so rasch beurteilen.

Medicus: Was halten Sie vom Einsatz der Telemedizin bei einer Diagnosestellung, speziell von einer konsiliarischen Befundung eines EKGs durch einen Kardiologen?

Prof. Sefrin: Jeder Notarzt muss in der Lage sein, ein EKG zu interpretieren, auch wenn er kein Kardiologe ist. Zur Erstdiagnose bedeuten diese Ansätze also einen unnötigen Zeitverlust. Anders ist der Fall allerdings, wenn es um die Frage geht, ob eine Lysebehandlung angezeigt ist. Bei dieser schwierigen Entscheidung könnten erfahrene Kardiologen an Hand des EKGs den Notärzten im Rettungsdienst durchaus wertvolle Hilfestellung geben. Hier haben wir aber ein anderes Problem: Medikamente für eine Lysebehandlung können in der Regel aus Kostengründen gar nicht im Notarzteinsatzfahrzeug mitgeführt werden.

Medicus: Wünschen Sie sich für die Notärzte im Rettungsdienst mehr diagnostische Geräte?

Prof. Sefrin: In Zeiten knapper Kassen sind nicht alle Wünsche realisierbar. Im Wesentlichen haben wir derzeit das Wesentliche, was wir für den Einsatz draußen benötigen. Das Beispiel der Lysemedikamente zeigt schon, dass es viel dringlicher ist, die Möglichkeiten für die Akuttherapie zu verbessern.

Medicus: Sind die Notärzte ausreichend qualifiziert und ausgebildet?

Prof. Sefrin: Hier gibt es noch einiges zu verbessern. Im Prinzip sollte jeder Arzt nach Abschluss des Studiums die Kenntnisse über eine adäquate medizinische Hilfe in Notfällen aufweisen. Allerdings gibt es bereits große Unterschiede zwischen den Universitäten, was diese Grundausbildung angeht. Vor allem sollte die notfallmedizinische Qualifikation auch in der Weiterbildungsordnung verankert werden. Ich hoffe, dass sich der Deutsche Ärztetag im kommenden Jahr auf eine Zusatzbezeichung "Notfallmedizin" einigen wird. Am Schluss dieser Ausbildung muss auf jeden Fall eine Überprüfung der Qualifikation stehen. Das ist heute leider noch nicht überall so.

Medicus: Notärzte versehen ihre Aufgabe im Rettungsdienst bisher überwiegend freiwillig. Hauptsächlich wegen der geringen Vergütung gibt es in einigen Gebieten Deutschlands bereits Engpässe. Ist das Prinzip der Freiwilligkeit langfristig noch zu halten?

Prof. Sefrin: Die Alternative wäre ja, die Tätigkeit als Notarzt im Rettungsdienst als Teil der Dienstaufgabe im Krankenhaus vorzusehen. Auch könnte man sich vorstellen, niedergelassene Ärzte bei entsprechender Qualifikation zu dieser Aufgabe zu verpflichten. Bei der zwangsweisen Einbeziehung sehe ich allerdings die Gefahr, dass die Qualität der Versorgung leidet. Wie bereits ausgeführt, entspricht die Qualifikation schon heute in mancherlei Hinsicht nicht den Anforderungen. Wer sich jedoch aus eigenem Antrieb ausreichend qualifiziert und sich freiwillig meldet, ist in der Regel kompetent und hoch motiviert für die Tätigkeit als Notarzt im Rettungsdienst. So lange wie möglich sollten wir deshalb das Prinzip der Freiwilligkeit aufrecht erhalten. 


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