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Interview mit Frau Dr. med. Astrid Bühren
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08. September 2006
„Es ist für Ärztinnen generell wichtig, sich für die Ausgestaltung des ärztlichen Berufs zu engagieren.“

Interview mit Frau Dr. med. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB) und Mitglied des Vorstandes der Bundesärztekammer. Frau Dr. Bühren ist niedergelassene Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Murnau/Oberbayern. Sie ist außerdem konsiliarisch im Zentrum für Rückenmarkverletzte der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau tätig.

Medicus
Wie hat sich die Situation von Ärztinnen in den letzten 25 Jahren hinsichtlich Zufriedenheit und Erfolg im Beruf sowie in der Familie entwickelt?

Dr. Astrid Bühren
In den letzten 25 Jahren hat sich die Situation für Frauen im ärztlichen Beruf vorwiegend normalisiert. In den 80er-Jahren betrug der Anteil der Ärztinnen an der Ärzteschaft in der damaligen BRD 29 %, in der ehemaligen DDR 56 %. Für die Ärztinnen in der DDR war es selbstverständlich, auch nach der Geburt von Kindern wieder ganztags berufstätig zu sein. Dies zeigt uns heute, dass die familiengerechten Rahmenbedingungen einen großen Anteil an der Selbstverständlichkeit der Berufsausübung von Frauen, in diesem Fall Ärztinnen, hatten. Prinzipiell war die Situation in der Bundesrepublik zu dieser Zeit so, dass es hieß: Selbstverständlich können sie berufstätig sein, wenn sie es alleine und individuell schaffen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Ansonsten stehen genug Ärzte vor der Tür, die wir einstellen könnten. 

Dieses wird sich jetzt gravierend ändern müssen im Sinne eines Paradigmenwechsels. Jetzt müssen Kliniken, Arbeitgeber und die Kassenärztlichen Vereinigungen sich und die jungen Ärztinnen fragen: Was müssen wir tun, damit wir Sie für die Patientenversorgung gewinnen?

Medicus
An Ärztinnen und Ärzte werden extrem hohe Anforderungen gestellt. Das haben einmal mehr die Tarifstreiks gezeigt. Warum entscheiden sich trotzdem weiterhin viele junge Frauen für das Medizinstudium? 

Dr. Bühren
Frauen haben sich noch nie vor harter Arbeit gescheut. Denn auch die Erziehung und Versorgung von drei Kindern, parallel zur Haushaltsführung mit den vielen ungelernten Jobs, beispielsweise als ungelernte Köchin, Gärtnerin, Floristin oder Weißbüglerin, ist noch nie ein einfacher Job gewesen. Schon alleine die Familienarbeit ist ein Rund-um-die-Uhr-Beruf an 365 Tagen im Jahr mit lauter Anforderungen, die geradezu für die erfolgreiche Ausübung des ärztlichen Berufes prädestinieren: Man weiß nie, was in der nächsten Minute passiert. Die Anforderungen sind multifaktoriell, Intensivpatienten können ebenso wenig wie Säuglinge artikulieren, was ihnen fehlt, und so weiter. 

Ich denke, der Beruf kommt vielen so genannten weiblichen Eigenschaften, wie Fürsorge und psychosozialem Denken, entgegen, wobei diese Eigenschaften auch bei Männern zu finden sind. Und hier haben wir auch den Unterschied zwischen Caring und Curing, wobei ich denke, dass sich unser Beruf insgesamt im letzten Jahrhundert mit den vielen technischen Errungenschaften sehr intensiv dem Curing zugewandt hat und wir wieder vermehrt Zuwendungs- und Umsorgungsaspekte in den Mittelpunkt rücken müssen, um den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten gerecht zu werden. 

Medicus
Einer der großen Karrierehemmer für Ärztinnen ist die Mehrfachbelastung von Familie und Beruf. Auf welche Strategien setzt der Deutsche Ärztinnenbund, um diese Situation für Ärztinnen zu entschärfen?

Dr. Bühren
Die Mehrfachbelastung ist es aber nicht allein, sonst würden die mehr als ein Drittel kinderlosen Ärztinnen alle Karriere machen. Ein Karrierehemmnis ist alleine schon die gesellschaftliche Erwartung, eine Frau könnte Kinder bekommen. Hinzu kommen zum Beispiel die speziell an vielen Universitätskliniken vorherrschenden hierarchischen Strukturen und die starke Fixierung auf klassische männliche Biografien und Rollenzuschreibung. Der Ärztinnenbund verfolgt deshalb vielseitige Strategien, um auch für Ärztinnen die Berufsausübung genauso selbstverständlich zu gestalten wie für ihre männlichen Kollegen.

Dazu gehört erstens unser Mentorinnennetzwerk, das zwar erst seit 2000 offiziell etabliert ist, aber bereits seit längerem bundesweit existiert. Es ist das umfangreichste im medizinischen Bereich und hat mittlerweile die meisten Mentorin/Mentée-Paare zusammengeführt. 

Zweitens haben wir eine Checkliste für die Weiterbildung erstellt, die bereits Studentinnen strukturierte Hinweise für die Berufs- und Karriereplanung vermittelt. Beispielsweise muss entschieden werden, ob man an einer Universitätsklinik, im Ausland oder in der Praxis seine Ausbildung starten will. Anhand dieser Checkliste sollten sie auch rechtliche Aspekte im Vorfeld in Erfahrung bringen, zum Beispiel, ob der Chef oder die Chefin des gewünschten Arbeitsplatzes eine Weiterbildungsermächtigung hat und ob es sich um ein familienfreundliches Krankenhaus handelt. Und schließlich werden diverse Fragen zum Arbeitsplatz behandelt. Hier wird auch darauf hingewiesen, sich zum Berufsrecht und zum Mutterschutzgesetz usw. zu informieren, um die Weiterbildung strukturiert durchzuziehen. 

Demnächst wird das Handbuch „Karriereplanung für Ärztinnen“ erscheinen, das unter anderem in Zusammenarbeit zwischen der Bundesärztekammer und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung herausgegeben wird. 

Drittens haben wir ein Junges Forum, in dem gerade Studentinnen und Ärztinnen unter 40 Jahren sich untereinander austauschen und vernetzen können. 

Außerdem veranstalten wir diverse Karriereförderungsseminare. Wir bieten mehr als 30 Regionalgruppen in Deutschland, in denen Ärztinnen und Kolleginnen sich je nach Bedarf   treffen und unterstützen können. Übrigens ist jedes Mitglied im Deutschen Ärztinnenbund automatisch Mitglied im Weltärztinnenbund. 

Generell ist es für Ärztinnen außerordentlich wichtig, sich mit der beruflichen Situation aktiv auseinander zu setzen und sich auch berufspolitisch in den Gremien für die Ausgestaltung des ärztlichen Berufs zu engagieren. 

Medicus
Was müsste sich aus Ihrer Sicht beim Mutterschutzgesetz ändern?

Dr. Bühren
Seit vielen Jahren bemühen wir uns intensiv um eine Aktualisierung der Mutterschutzrichtlinienverordnungen und zwar nach dem Motto „Mutterschutz ja, Berufsverbot nein!“. Das heißt konkret, dass Ärztinnen viel zu oft während der Schwangerschaft von ärztlichen Tätigkeiten wie Operationen oder der Narkose ausgeschlossen sind, obwohl die neuen technischen Voraussetzungen keine erhöhte Gefährdungen mehr darstellen. Zum Beispiel werden in der Anästhesie bis auf wenige Ausnahmen geschlossene Systeme benutzt, die keine erhöhte Konzentration von schädlichen Stoffen zulassen. 

Betroffen sind vor allem angestellte Ärztinnen, da es nicht zuletzt auch um versicherungstechnische Fragen in den Kliniken geht. Um deshalb beispielsweise nicht lauter patientenferne Tätigkeiten übertragen zu bekommen und so die Weiterbildung zu gefährden, melden Ärztinnen ihre Schwangerschaft oft erst zu einem sehr späten Zeitpunkt. Hier können Frauen also schnell ins Hintertreffen geraten. Zu fördern ist deshalb eine Aktualisierung der Richtlinie. Vom notwendigen Schutz der werdenden Mutter und des ungeborenen Kindes wollen wir selbstverständlich kein Jota wegrücken. 

Medicus
Wie kann man jungen Frauen denn nach der Babypause den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern?

Dr. Bühren
Ein Thema des Deutschen Ärztetags in Rostock 2002 war   „Ärztinnen – Zukunftsperspektive für die Medizin“. Hier haben wir unter anderem Beschlüsse gefasst, dass Wiedereingliederungskurse wieder eingeführt werden sollten. Denn die gab es früher ja auch schon. Nur wurden sie im Zeitalter der Ärzteschwemme abgeschafft, weil Ärztinnen, die diese Kurse absolviert hatten, keine Stellen mehr bekamen. Deshalb ließ man die Kurse auslaufen. Jetzt gibt es wieder Stellen für Ärztinnen und deshalb war es wichtig, sie wieder zu initiieren. Nach 2002 sind diese Kurse zuerst durch die Landesärztekammer Westfalen-Lippe wieder eingerichtet worden und zwar mit großem Erfolg. Inzwischen gibt es sie unter anderem auch wieder in Bayern.

Wünschenswert wäre aber auch, dass vermehrt Weiterbildungsstätten, also Krankenhäuser, selbstverständlich Programme vorhalten, die es Ärztinnen und Ärzten in der Elternzeit ermöglichen, den Kontakt zur Klinik aufrecht zu erhalten, indem sie zum Beispiel vertretungsweise tätig sein können. Dazu gehören natürlich auch Kinderbetreuungsprogramme. 

Medicus
Kinderbetreuung ist leider immer noch ein Stiefkind in unserer Republik. Unternehmen und Kliniken ergreifen aber vereinzelt selbst die Initiative und gründen betriebseigenen Kindertagesstätten. 

Dr. Bühren
Laut einer Umfrage des Deutschen Ärztinnenbundes an Krankenhäusern gibt es an rund 15 % der Kliniken Kinderbetreuung. Wobei festzustellen ist, dass diese Kinderbetreuung vor allem für die Altersgruppe von drei bis sechs Jahren angeboten wird und relativ wenig für die Altersgruppe sechs bis zehn und nur sehr selten zum Beispiel Hausaufgabenbetreuung umfasst. Als Best-Practice-Beispiel kann die Kindertagesstätte der Unfallklinik Murnau genannt werden, die bereits seit 28 Jahren eine Kinderbetreuung anbietet und das an 365 Tagen im Jahr mit Öffnungszeiten von 5:15 Uhr bis 21:30 Uhr. Den Kindergarten an der Klinik in Murnau können Kinder von 8 Wochen bis 10 Jahren besuchen.   Es wird dort ein Mittagstisch und Hausaufgabenbetreuung angeboten. Die Unfallklinik Murnau hat anhand einer vom Bundesfamilienministerium herausgegebenen Prognos-Studie für die eigene Kinderbetreuungseinrichtung betriebswirtschaftlich errechnet, dass trotz hoher Unterhaltungskosten die Kosten/Nutzenbilanz positiv ausfällt: Die Kita rechnet sich. 

Medicus
Welche Chancen bietet das geplante Elterngeld jungen Ärztinnen und Ärzten für die Kinderbetreuung?

Dr. Bühren
Das geplante Elterngeld bietet aus meiner Sicht eine gute Möglichkeit für Ärztinnen, sich auf Wunsch eine zeitlang ausschließlich der Kinderbetreuung zu widmen. Es ist auch eine Chance für Ärzte, elterliche Freuden zu genießen und die Pflichten intensiver wahrzunehmen. Gleichzeitig bietet es auch die Gelegenheit, diese elterliche Kompetenz als neue Qualifikation in den ärztlichen Berufsalltag einzubringen. 

Medicus
Im Bereich der Niederlassung haben sich in den letzten Jahren neue Praxisorganisationsformen herausgebildet. Jetzt ist das Vertragsarztrechtänderungsgesetz im Gespräch. Welche neuen Möglichkeiten könnten sich damit für Ärztinnen eröffnen?

Dr. Bühren
Mit dem geplanten Vertragsarztrechtänderungsgesetz ergibt sich eine Vielzahl von neuen Berufsausübungsmöglichkeiten, einschließlich der Verzahnung von ambulanter und stationärer Tätigkeit. Dieses Gesetz wird flexiblere und Lebensphasen gerechtere Berufstätigkeit ermöglichen. Dabei gilt es aber, die Freiberuflichkeit der Ärzteschaft grundsätzlich aufrecht zu erhalten. Wesentlich ist, dass sich Ärztinnen und Ärzte entsprechend den berufspolitischen Anforderungen weiterhin ihr Recht auf Therapiefreiheit erhalten.

Medicus
Welche Rolle werden Frauen in Zukunft im Arztberuf spielen?

Dr. Bühren
Wir können jetzt schon feststellen, dass Schülerinnen die besseren Schulabschlüsse erreichen und viele Studentinnen hervorragende Studienabschlüsse erzielen. Und das wird weiterhin Einfluss auf das Selbstbewusstsein der Frauen auch in medizinischen Berufen haben. 

Das bedeutet aber auch, dass man die elterlichen Aufgaben auch gezielt beiden Elternteilen, also Vater und Mutter, zuschreiben muss. Wenn sich also Frauen stärker und gleichberechtigter als bisher im Arztberuf engagieren könnten, dann würde die Medizin um mütterliche und die Kindererziehung um väterliche Aspekte bereichert. 

Mit einem selbstverständlichen Selbstbewusstsein von Ärztinnen kann sich so nicht nur eine gute Medizin für die Patienten und Patientinnen entwickeln, sondern dies stellt auch eine Bereicherung für den gesamten ärztlichen Beruf dar. Gerade die ärztliche Psychotherapie wird überwiegend von Ärztinnen erbracht und sollte in Zukunft in allen Fachgebieten spürbare Berücksichtigung finden.



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Interview mit Frau Dr. med. Astrid Bühren
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