1. BestellCenter
  2. Kontakt
  3. Sitemap
 
Erosion des Vertrauens
Drucken
Artikel weiterempfehlen
06. Februar 2008
Interview mit dem Kommunikationswissenschaftler Prof. Donsbach

Medicus
Das hohe Ansehen der Ärzte „bröckelt“. Sind die Ansprüche der Patienten gestiegen oder haben sich die Leistungen der Ärzte verschlechtert?

Prof. Dr. Donsbach
Zunächst muss ich mich in diesem Punkt Professor Hoppe ((siehe Interview Hoppe)) anschließen und vor Panikmache warnen. Ärzte üben immer noch mit großem Abstand den Beruf aus, den die Menschen in Deutschland am meisten schätzen und vor dem sie am meisten Achtung haben. Ich beziehe mich dabei auf die deutschen Berufsprestige-Skalen. Wegen der Geringschätzung von Politikern und Unternehmern lassen einen diese mehr an den Grundlagen unseres Politik- und Wirtschaftssystems zweifeln, als dass man sich Sorgen um die meist sowohl prestigemäßig als auch materiell gut situierten Ärzte machen müsste. 

Aber es ist auch richtig, dass langfristig dieses Prestige etwas gelitten hat. Bis Mitte der neunziger Jahre rechneten durchweg rund 80 Prozent der Deutschen die Ärzte zu den Berufen, vor denen sie am meisten Achtung haben. Seitdem liegen diese Werte etwa zehn Prozentpunkte tiefer. Kein Beinbruch, aber Anlass nachzudenken.

Medicus
Was sehen Sie als Ursache für den Imageverlust der Ärzte in der Öffentlichkeit?

Prof. Dr. Donsbach
Ich sehe vier Gründe für diese Entwicklungen: Erstens hat sich generell eine misanthropischere Weltsicht breit gemacht. Auch Pfarrer, Atomphysiker, Rechtsanwälte, Botschafter und Studienräte erreichen nicht mehr die gleichen Werte wie in den sechziger bis achtziger Jahren. Das hat mehr mit Volkspsychologie und – wie im Falle der Atomphysiker – mit politischen Kampagnen zu tun, als mit der Performanz der konkreten Berufe. 

Zweitens sind den Menschen nicht ganz zu unrecht Zweifel an der ausschließlich altruistischen Gesinnung des Heilberufs gekommen. Dies wiederum hat mehrere Gründe. Einmal sind Ärzte in den vergangenen Jahren deutlich häufiger als früher in der Rolle des Interessenvertreters in eigener Sache in die Öffentlichkeit gegangen. Aktionen gegen die Gesundheitsreform und gegen Tarifstreiks waren dabei die auffälligsten Anlässe. Man darf sich nicht wundern, dass das Image dann auch durch solche Wahrnehmungen geprägt wird.  

Heute meint jeder dritte Deutsche, die Ärzte würden zu viel ans Geld denken und zu viel verdienen. Einiges spricht ja auch dafür, dass sich in einer mittleren Generation, die im materiellen Wachstum des Gesundheitswesens in den Beruf kam, eine Verschiebung in den Wertigkeiten von traditioneller Gemeinwohlorientierung zu eher hedonistischen Motiven zugetragen hat. 

Zum anderen sind Ärzte fast jeden Abend auch in Fiction-Sendungen des Fernsehens zu sehen, in Rollen, die zwar unterhaltsam und durchaus nicht immer unsympathisch sind, aber auch nicht die heile Welt der „Schwarzwaldklinik" und schon gar nicht Albert Schweitzer-Images repräsentieren. Durch beide Entwicklungen - Interessenvertretung und Entertainment - werden Ärzte zunehmend säkularisiert, was ja auch seine gute Seiten haben kann. Und Hand aufs Herz: Die heutige Medizinergeneration hat auch im Durchschnitt leicht mutierte Berufsmotive und -werte.  

Ein dritter Grund dürfte die negative Erfahrung sein, die die Menschen konkret mit ihren Ärzten gemacht haben. Dabei geht es nicht um die medizinische Betreuung (die fachliche Kompetenz anerkennen fast alle), sondern oft erlebte Defizite in Einfühlungsvermögen, Menschenkenntnis und Freundlichkeit. Jeder zweite Deutsche wünscht sich vom Arzt   „mehr Zeit für den einzelnen Patienten“, und dass der Patient so behandelt wird, „dass die Seele nicht zu kurz komme“.   Man fühlt sich also mehr als Kunde denn als Patient – zudem als Kunde, dem einiges zugemutet wird hinsichtlich Wartezeiten und Praxisabläufen. 

Schließlich schadet den Ärzten die Konkurrenz anderer, so genannter „alternativer“ Heilberufe. Vor allem Heilpraktiker stoßen in das Vakuum, das die Ärzte in dem eben genannten Punkt der mangelnden persönlichen Betreuung hinterlassen. Dieses Phänomen wird verstärkt durch eine stetig steigende Irrationalität in der Gesellschaft. Der Aberglaube hat in Deutschland dramatisch zugenommen. Wenn sich die Anteile in der Bevölkerung, denen der Schornsteinfeger, das vierblättrige Kleeblatt und die Zahl 13 „etwas bedeuten“, innerhalb von 25 Jahren verdoppelt haben, muss man sich nicht wundern, dass die gleichen Menschen auch an die Wunderkraft der Globuli glauben. Fast die Hälfte der Deutschen findet, dass es zu wenig alternative Heilmittel und Verfahren gebe und wünscht sich mehr Gemeinschaftspraxen von Medizinern mit Heilpraktikern. „Schulmedizin“ ist inzwischen fast zu einem Schimpfwort geworden. 

Medicus
Sie fordern eine „Wissenschafts-Offensive“. Was genau meinen Sie damit?

Prof. Dr. Donsbach 
In den zuvor genannten Zahlen drückt sich eine deutliche Erosion des Vertrauens in die klassische Medizin, ja in die gesamte empirische Wissenschaft aus. Und das betrifft auch andere forschende Berufe. Ärzte können somit auch etwas für die gesellschaftliche Stellung der Wissenschaft ganz allgemein tun, wenn sie mehr in die Offensive gehen und die Grundlagen ihres professionellen Handelns deutlich machen. Best Practice-Medizin beruht auf Erkenntnissen, die in mühsamen kausal analytischen Verfahren gewonnen wurden. Das muss stärker nach außen getragen werden. Stattdessen lassen sich viele ausgebildete Schulmediziner entweder aus ökonomischen Erwägungen oder weil sie selbst dem Zeitgeist der Irrationalität verfallen sind, auf dubiose Kooperationen ein.

Ich halte nichts von einer solchen Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde. Entweder beruhen Behandlungsmethoden auf wissenschaftlicher Erkenntnis und sind in ihrer Wirkung intersubjektiv nachprüfbar oder sie beruhen auf Glauben, Weismachen und geschickter Vermarktung. Wenn sich die Ärzte nicht den Ast ihrer eigenen Profession absägen wollen, sollten sie von solchen Kooperationen Abstand nehmen, solange diese sogenannten alternativen Heilverfahren den Nachweis ihrer Wirkung nicht mit der gleichen Strenge prüfen lassen, wie dies für andere Verfahren gilt. Selbstbewusstes Eintreten für die wissenschaftliche Basis der eigenen Arbeit heißt aber nicht, dass man den Patienten als schlechten Kunden behandelt, wie viele Bürger es empfinden. Den Unterschied machen da manchmal Kleinigkeiten. Beim Umgang mit den Menschen können sich die Ärzte also durchaus was von den Heilpraktikern abgucken.

Medicus
Für Akupunktur beispielsweise gibt es bei chronischen Schmerzzuständen inzwischen Wirksamkeitsnachweise. Könnte es, nach strenger Abwägung, nicht doch die ein oder andere durchaus sinnvolle Kooperation geben? Schließlich verlangen die Patienten ja auch danach.

Prof. Dr. Donsbach
Gegen eine solche Zusammenarbeit spricht natürlich nichts. Wenn es nachgewiesene Heilverfahren sind, müssen sie sogar angewendet werden, wenn Ärzte ihren Beruf ernst nehmen. Der entscheidende Punkt – ich wiederhole mich - ist die rationale, intersubjektiv überprüfbare Erkenntnis. Auch Naturheilverfahren, Akupunktur und TCM haben vermutlich solche Wirkungen – man muss es nur beweisen können.   



Arztimage - Berufsbild im Wandel
Untersuchungsergebnisse
“Der ökonomische Druck darf das Arztbild nicht prägen.“
Erosion des Vertrauens
Quo vadis Arztberuf?
Provokante Thesen
Medienkritische Analyse
Literatur und Adressen
Autorin


  1. Copyright © 2005-2010 sanofi-aventis. Alle Rechte vorbehalten. | Impressum
  2. | Datenschutz
  3. | Nutzungsbedingungen
  4. | AGB
  5. |
  1. heatmap