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Interview Prof. Dr. Middeke
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04. Mai 2007
Interview mit Herrn Professor Dr. med. Martin Middeke, Hypertoniezentrum München
Deutliche Senkung der Mortalität

Medicus: Sie haben in einer Studie ein telemedizinisches Betreuungsprogramm für Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz untersucht. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Prof. Middeke:  Wir haben die erste kontrollierte Studie zu dieser Indikation in Deutschland, zusammen mit der KKH Hannover sowie der Arztpartner almeda GmbH als medizinischem Servicecenter, durchgeführt. Dabei konnten wir nicht nur eine erhebliche Kostenreduktion, sondern überraschenderweise bereits nach einem Jahr auch eine deutliche Senkung der Mortalität zeigen und das in einer Größenordnung, bei der eine Studie mit einem neuen Arzneimittel auf Grund des herausragenden Ergebnisses sofort abgebrochen würde. 

Medicus: Wie wurden die Patienten in Ihrer Studie überwacht?

Prof. Middeke:  Im Rahmen unseres Projektes erhielt jeder Patient eine telemetrische Waage, ein Drittel der Patienten wurde zusätzlich mit einem Blutdruckmessgerät ausgestattet. Doch mit den Geräten ist es nicht getan. Als ganz wichtig erwies sich ein Betreuungsprogramm für die Patienten, das nach unseren Erfahrungen einen ganz wesentlichen Wirkfaktor darstellte. Dazu gehörten Informationen zur Grunderkrankung sowie medikamentöse und nicht-medikamentöse Maßnahmen ebenso wie eine regelmäßige telefonische Konsultation.

Medicus: Wenn beispielsweise ein Kardiologe das telemedizinische Betreuungsprogramm für Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz außerhalb einer Studie anwenden möchte, mit welchen Kosten muss er für die Ausrüstung rechnen?

Prof. Middeke:  Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich Kollegen dringend empfehlen, telemetrische Betreuung im Rahmen eines Projektes mit einer Krankenkasse oder einer Fachgesellschaft vorzunehmen. Als einzelner Arzt eine ganze Palette telemedizinischer Anwendungen in der Praxis umsetzen zu wollen, erscheint mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt als zu früh. Er würde dabei schnell an personelle Grenzen stoßen, wenn er jeden Tag die Daten von vielen Patienten bearbeiten wollte. Anders sieht es bei einem reinen Blutdruck-Telemonitoring bei Hypertonikern aus, das sich in der Praxis schon eher etabliert hat.

Medicus: Inwieweit und unter welchen Voraussetzungen werden die Kosten für telemedizinische Leistungen von den Krankenkassen übernommen?

Prof. Middeke:  Bisher sind telemedizinische Anwendungen überwiegend in Modellprojekte oder in eine integrierte Versorgung eingebettet. Es gibt meines Wissens derzeit noch keine Abrechnungsziffern für gesetzlich versicherte Patienten, abgesehen von der schon länger etablierten telemetrischen Schrittmacher-Kontrolle.

Medicus: Kann ein Arzt beispielsweise ein Blutdruck-Telemonitoring seinem Patienten als IGeL-Leistung in Rechnung stellen?

Prof. Middeke:  Das wird möglich sein und das halte ich auch für sinnvoll, gerade bei schwer einstellbaren Hypertonikern oder nach einer Umstellung der Therapie.

Medicus: Für welche niedergelassenen Ärzte eignet sich eine Integration telemedizinischer Anwendungen in ihre Praxis?

Prof. Middeke:  Denken Sie an das ganze Spektrum von Adipositas, Asthma über das metabolische Syndrom bis hin zu Dialyse-Patienten. Bei allen diesen Erkrankungen, die hohe Anforderungen an die Compliance stellen und bei denen wir im Hinblick auf die Nachhaltigkeit noch zu wenig bewirken, werden telemedizinische Anwendungen Verbesserungen bringen. Auf lange Sicht werden sich bei vielen internistischen Erkrankungen telemedizinische Anwendungen etablieren. 

Medicus: Wie können sich niedergelassenen Ärzte über die Möglichkeiten telemedizinischer Anwendungen in Ihrer Praxis informieren?

Prof. Middeke:  Als Informationsquelle kommen beispielsweise die Anbieter der entsprechenden Geräte sowie medizinische Servicecenter in Frage. Ohne Dienstleister bzw. medizinische Servicecenter wird es meines Erachtens nicht gehen, weil sie dem Arzt viele Arbeiten abnehmen.

Medicus: Wird sich die Telemedizin zu einer Konkurrenz für den Hausarzt entwickeln?

Prof. Middeke:  Nein, das sehe ich überhaupt nicht so. Leider gibt es derzeit noch große Vorbehalte gegen die Telemedizin. Doch ich bin sicher, dass die Hausärzte letztlich von der Telemedizin profitieren werden. Es wird ihre Arbeit keineswegs ersetzen, sondern ergänzen und unterstützen.



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