Über seine Arbeit als deutscher Arzt in Großbritannien sprachen wir mit Rolf Wildermann, der seit einem Jahr im Nordosten Englands als Allgemeinmediziner tätig ist.
Medicus: Weshalb sind Sie als Arzt nach Großbritannien gegangen?
Wildermann: Überdruss an der deutschen Bürokratie veranlasste mich, einen anderen Weg zu suchen. Die Schere zwischen dem eigenen ethisch-moralischen Anspruch und der Notwendigkeit, eine Praxis betriebswirtschaftlich zu führen, wird immer größer. Als Allgemeinmediziner in Deutschland neu anzufangen, halte ich heute für sehr schwierig.
Medicus: Was schätzen Sie am britischen Gesundheitssystem?
Wildermann: Ich schätze besonders die Möglichkeit, mich intensiv um die Patienten kümmern zu können. Morgens betreue ich etwa fünfzehn, am Nachmittag dreizehn Patienten. So habe ich wirklich Zeit für sie. Ich arbeite als angestellter Arzt, zusammen mit sieben Partnern, und wir haben sehr geregelte Arbeitszeiten. Nacht- und Wochenenddienste übernimmt ein eigenes Unternehmen namens "Prime Care". Britische Allgemeinmediziner entlasten sich gegen eine jährliche Gebühr von diesen Sonderaufgaben. Das ist generell so geregelt.
Meine Tätigkeit ist sehr abwechslungsreich. Da es keine niedergelassenen Fachärzte gibt, erlebe ich als Allgemeinarzt eine Spannweite von Patienten im Alter zwischen einem Monat und hundert Jahren, und eine Fülle unterschiedlicher Erkrankungen bieten mir immer wieder eine medizinische Herausforderung.
Medicus: Gibt es Unterschiede zwischen Deutschland und Großbritannien in grundlegenden medizinischen Aspekten?
Wildermann: In England werden streng die Kriterien von "Evidence-based Medicine" umgesetzt. Manche Medikamente wie beispielsweise Acetylcystein gegen Husten gibt es dann einfach nicht, weil es keine Studien gibt, die dessen Nutzen "Evidence-based" belegt.
Medicus: Wie ist die Zusammenarbeit mit Kollegen?
Wildermann: Hervorragend. Die Arbeit in England ist charakterisiert durch Teamwork, auch im Krankenhaus. Schon während meiner AiP-Zeit in einem englischen Krankenhaus habe ich gesehen, dass die Strukturen viel weniger hierarchisch sind als in Deutschland.
Medicus: Wie begegnen Ihnen die englischen Patienten? Welche Erfahrungen machen Sie dabei – auch im Vergleich zu Ihren Eindrücken in Deutschland?
Wildermann: Die Patienten bei mir im Nordosten sind sehr, sehr glücklich, einen Arzt zu sehen und begegnen auch einem ausländischen Mediziner offen. Ich habe den Eindruck, sie sind dankbarer als deutsche Patienten. In England werden die Patienten wesentlich stärker in die Therapie mit einbezogen. So frage ich meine Patienten auch, ob sie mit meiner Behandlung zufrieden sind oder was man noch verbessern könne. Hier steht wirklich der Patient im Mittelpunkt.
Medicus: Gibt es besondere Stressfaktoren, die man berücksichtigen sollte, wenn man plant, seine Tätigkeit nach Großbritannien zu verlagern?
Wildermann: Wenn man als ganze Familie nach Großbritannien umsiedelt, muss man am Anfang eine ganze Menge organisieren. Das stresst schon. Auch an die "englische Gemütlichkeit" muss man sich erst gewöhnen, wenn man das deutsche Tempo gewöhnt ist. Ich sehe jedoch immer wieder, dass diese "Langsamkeit" eher einer Gelassenheit entspricht, gepaart mit Korrektheit und Solidarität.
Medicus: Welche Disziplinen werden im UK derzeit besonders benötigt?
Wildermann: Zurzeit werden 2000 Allgemeinmediziner gesucht, aber auch Spezialisten wie Psychiater, Radiologen, Hämatologen und Pathologen.
Medicus: Herr Wildermann, welche Tipps haben Sie noch für Ihre deutschen Kollegen, die ihre ärztliche Tätigkeit nach Großbritannien verlagern möchten?
Wildermann: Wenn man die britische Insel schon kennt und auch die Sprache gut beherrscht, ist das von großem Vorteil für eine solche Entscheidung. Es ist auf jeden Fall ein Kultursprung. Deshalb sollte man auch die Chance wahrnehmen, sich über eine der zahlreichen Messen genau zu informieren. Ich habe beispielsweise an einer Carreer's Fair des British Journal of Medicine (BMJ) teilgenommen und danach meine Wahl getroffen. Während einer Einführungszeit kann man Sprachkenntnisse vertiefen sowie das System kennenlernen und wird schon voll bezahlt.
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