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Was hilft gegen Flugangst?
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Interview mit Dr. Dipl. Psych. Andreas Mühlberger vom Institut für Flugpsychologie an der Universität Würzburg.

Medicus: Herr Dr. Mühlberger, wie viele Menschen leiden in Deutschland schätzungsweise unter Flugangst?

Dr. Mühlberger: In einer repräsentativen Umfrage des Allensbacher Instituts im Jahre 2003 gaben 16 Prozent der Befragten an, dass sie Angst vor dem Fliegen haben und zusätzlich 22 Prozent, dass sie sich dabei unbehaglich fühlen. Die Prävalenz der Flugangst selber ist nicht genau bekannt. Man geht aber davon aus, dass sie in Deutschland zwischen drei und sieben Prozent liegt. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Medicus: Was ist der Unterschied zwischen der „normalen“ Angst vor dem Fliegen und einer behandlungsbedürftigen Phobie im psychologischen Sinne?

Dr. Mühlberger: Ein wichtiges Kriterium für die Diagnose einer Spezifischen Phobie ist, dass die betroffenen Personen in ihren privaten oder beruflichen Aktivitäten beeinträchtigt sind oder unter ihrer Flugangst leiden. Wenn also beispielsweise eine Person gar keine Flugreise unternehmen will, wird auch keine Phobie diagnostiziert. Wichtig ist es bei der Diagnose auch zu berücksichtigen, dass Flugangst häufig in Kombination mit anderen Ängsten auftritt, etwa der vor großen Höhen oder geschlossenen Räumen oder im Rahmen einer Panikstörung, bei der meist viele verschiedene Situationen Furcht auslösen oder vermieden werden.

Medicus: Wie äußert sich die Flugangst?

Dr. Mühlberger: Manche Betroffene zeigen das typische Vermeidungsverhalten. Sie verzichten auf Flüge und lehnen sogar Aufstiegsmöglichkeiten im Job ab, wenn die bessere Position mit Flugreisen verbunden ist. Die meisten treten aber trotz ihrer Angst immer wieder Flugreisen an. Sie zeigen die typischen Angstsymptome: Vorher sind sie nervös, sie schlafen schlecht und träumen vielleicht von einem Absturz der Maschine. Wenn sie im Flieger sitzen bekommen sie Herzrasen, Schweißausbrüche und sie fangen an zu zittern. Die erlebte Angst steht in keiner Relation zu der auslösenden Situation. In Extremfällen kann es auch vorkommen, dass sich die betroffenen Personen kurz vor dem Start aufgrund der Furcht gezwungen sehen, das Flugzeug wieder zu verlassen.

Medicus: Hilft es den Betroffenen, sich abzulenken?

Dr. Mühlberger: Der Versuch sich abzulenken ist meist nur teilweise erfolgreich. Sobald der Flug etwas unruhig wird oder ein ungewohntes Geräusch auftaucht, ist die Angst wieder mit voller Wucht zu spüren. Manche Betroffene konsumieren auch Alkohol oder nehmen Medikamente, um sich zu beruhigen. Beides ist aber nicht empfehlenswert.

Medicus: Welche Befürchtungen haben die Betroffenen?

Dr. Mühlberger: Es gibt zwei Arten von Befürchtungen. Bei der einen geht es um Unfälle und damit verknüpft um die Furcht zu sterben oder den eigenen Tod ganz bewusst erleben zu müssen. Bei der zweiten Art geht es dagegen um die Angst vor der Angst. Die Betroffenen fürchten beispielsweise, dass sie infolge ihres Herzrasens einen Herzinfarkt bekommen oder dass sie die Kontrolle verlieren und beispielsweise laut schreien.

Medicus: Was passiert bei Flugangstseminaren?

Dr. Mühlberger: Bei Flugangstseminaren werden häufig Strategien zur Angstbewältigung vermittelt – wie etwa Entspannungstechniken. Außerdem lernen die Betroffenen mit der Angst anders umzugehen; etwa Befürchtungen zuzulassen und ihnen nicht – wie bisher durch Vermeidungsverhalten – auszuweichen. Diese Strategie wird dann in der angstauslösenden Situation – also auf einem tatsächlichen Flug – erprobt. Wenn es die Personen schaffen, sich darauf einzulassen, die Angst nicht zu vermeiden, stellen sie fest, dass die Angst nach einer Weile von selber wieder abnimmt. Das ist eine ganz normale physiologische Reaktion. Durch dieses Erleben wird die Angst letztlich bewältigt.

Medicus: Wie wichtig ist dieser Übungsflug?

Dr. Mühlberger: Die effektivste Methode, eine Angst zu überwinden ist, sich der gefürchteten Situation bewusst auszusetzen, und keine Vermeidungsstrategien anzuwenden. Diese Expositionsübungen finden im Rahmen einer Verhaltenstherapie statt.

Medicus: Wie erfolgreich sind Flugangstseminare?

Dr. Mühlberger: Die Erfolgsquoten der Flugangstseminare sind sehr hoch. Ganz allgemein lässt sich die Flugangst mit unterschiedlichen Methoden sehr erfolgreich therapieren.

Medicus: Welche anderen Möglichkeiten gibt es noch?

Dr. Mühlberger: Die Universität Würzburg bietet zum Beispiel Kurzzeittherapien an, bei denen ein Flugsimulator für die Expositionsübungen eingesetzt wird. Das hat den Vorteil, dass man verschiedene Situationen simulieren kann, wie etwa starke Turbulenzen. Bei den Betroffenen entstehen dabei dieselben Ängste wie in einem echten Flugzeug. Unsere Untersuchungen zeigen, dass sich auf diesem Wege Flugangst sehr wirkungsvoll vermindern lässt. Nach einer dreistündigen Einzelsitzung haben sich 80 Prozent der Teilnehmer für einen echten Flug entschieden.

Medicus: Welche Möglichkeiten stehen außerdem zur Verfügung?

Dr. Mühlberger: Es ist beispielsweise auch möglich, die Flugangst zu Hause mit Hilfe eines Manuals zu überwinden, das wir entwickelt haben (www.flugpsychologie.de).

Medicus: Wie funktioniert das?

Dr. Mühlberger: Das Manual vermittelt dieselben Strategien wie ein Seminar. Dafür muss sich der Betroffene drei Wochen lang jeden Tag eine halbe Stunde Zeit nehmen. Zusätzlich gibt es drei telefonische Kontakte zu einem Therapeuten, in denen Probleme besprochen werden können. Der Vorteil dieser Methode ist, dass für die Auseinandersetzung mit den Ängsten und das Lernen der neuen Strategien wesentlich mehr Zeit bleibt als auf einem Seminar-Wochenende. Außerdem sind die Kosten mit 60 Euro sehr niedrig.

Medicus: Wie erfolgreich lässt sich Flugangst mit dem Manual behandeln?

Dr. Mühlberger: Die meisten, über 70 Prozent der Teilnehmer, profitieren von dieser Methode – auch noch nach sechs Monaten.

Medicus: Ist das Manual für alle Betroffene geeignet?

Dr. Mühlberger: Grundsätzlich ist die Motivation der Betroffenen sehr wichtig. Sie müssen bereit sein, sich ihren Ängsten zu stellen – für Angstpatienten ein sehr großer Schritt. Der große Vorteil einer Simulationstherapie oder auch des Manuals ist, dass die Hemmschwelle für die Betroffenen sehr viel kleiner ist. Für viele Patienten reichen diese Methoden bereits aus, um anschließend selbstständig fliegen zu können.

Medicus: Wie kann ein Arzt einem Betroffenen in einer aktuellen Paniksituation im Flugzeug helfen?

Dr. Mühlberger: In einer aktuellen Paniksituation ist es sicher am besten, sich um die betroffenen Personen zu kümmern und sie nicht alleine zu lassen. Eine medikamentöse Intervention ist bei Panikanfällen normalerweise nicht notwendig. Panikreaktionen lassen ohne Intervention wieder nach. Ein Placebo wirkt oft deutlich erleichternd. Sinnvoll ist es, den Betroffenen aufzuzeigen, dass es erfolgreiche psychotherapeutische Möglichkeiten zur Bewältigung der Angst gibt.


Updated: 02. August 2004

Adressen
Autorin
Die Aufgaben des Medizinischen Dienstes einer Fluggesellschaft
Flugreisetauglichkeit: Wer darf fliegen?
Literatur
Medizinische Notfälle im Flugzeug
Notfallausstattung an Bord von Linienflugzeugen
Reisevenenthrombose
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