Eine Begriffsklärung
Ein psychisches Trauma ist ein Ereignis, bei dem der Mensch extrem große Angst, Hilflosigkeit, Schrecken, Horror und Ohnmacht erlebt. Zu den Auslösern gehören das Erleben von Unfällen, aber auch Naturereignisse wie Flutwellen oder Erdbeben, Kriegserlebnisse als sogenannte kollektive Traumata und die besonders schwerwiegenden Traumata, die von anderen Menschen verursacht werden.
Primäre oder sekundäre Traumatisierung?
Man unterscheidet primäre von sekundärer Traumatisierung. Bei einer primären Traumatisierung wird das belastende Ereignis als Opfer erlebt. Die sekundäre Traumatisierung ist das Wissen oder Miterleben eines traumatischen Ereignisses, das einer anderen Person widerfährt.
Notärzte sind im Rahmen von Einsätzen sowohl primärem (selten) als auch sekundärem traumatischen Stress (häufig) ausgesetzt.
Neuere Studien bestätigen die Bedeutung sich wiederholender Belastungsfaktoren. Diese kumulative Traumatisierungsdynamik ist als sekundäre Traumatisierung zum Beispiel bei Katastrophenhelfern oder bei der therapeutischen Arbeit mit Traumaopfern beschrieben. Für die alltäglichen Belastungen im Rettungs- oder Notarztdienst liegen noch keine validen Zahlen vor.
Akute Belastungsreaktion kann chronifizieren
Als unmittelbare Reaktion auf ein traumatisches Ereignis, zum Beispiel einen Verkehrsunfall oder bei dem Verlust eines nahestehenden Menschen oder einer schweren Erkrankung, tritt zunächst eine akute Belastungsreaktion auf. Wichtig ist, dass diese psycho-physiologische Stressreaktion nicht nur bei Opfern eines Unfalls oder einer Gewalttat zu beobachten ist, sondern potenziell auch bei den unfreiwilligen Beobachtern, Zeugen und Helfern. Wichtig ist, dass es sich dabei um eine „normale Reaktion“ auf ein „unnormales Ereignis“ handelt.
Kann das erlebte Trauma verarbeitet werden, sollten die Symptome nach acht bis zwölf Wochen langsam abklingen. Ist dies nicht der Fall, entwickelt sich eine posttraumatische Belastungsstörung oder PTBS.
Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung
Neben den psychischen Belastungs- und Vermeidungs-Symptomen gehören auch körperliche Symptome zu einer PTBS. Dabei handelt es sich um eine vermehrte Sympathikusaktivierung, die Ausdruck des anhaltenden inneren Alarmierungszustandes ist. Diese als Zeichen einer akuten Stressreaktion bekannten Symptome wie Zittern, feuchte Hände, Muskelanspannung oder Herzrasen werden losgelöst von der ursprünglich traumatischen Situation erlebt. Das heißt, der inhaltliche und zeitliche Zusammenhang zum traumatischen Ereignis kann nicht mehr hergestellt werden.
Typische Klagen von Betroffenen sind anhaltende Konzentrationsstörungen, Ein- und Durchschlafstörungen, extreme Schreckhaftigkeit, innere Unruhe und verschiedene vegetative Erregungssymptome.
Trauma – die (neuro)physiologischen Hintergründe
Als physiologisches Korrelat einer chronischen Stressreaktion kann eine anhaltende Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden- (HHNR-) Achse nachgewiesen werden. So steigt zum Beispiel der Cortisolspiegel bei Einsatzkräften im Rettungsdienst. Dabei korreliert die Höhe des Cortisolspiegels mit der Belastungshöhe durch den Einsatz.
Eine Stressreaktion normalisiert sich im Laufe der Zeit, das heißt der Cortisolspiegel sinkt wieder ab. Studien bei Feuerwehr- und Rettungsdienstmitarbeitern konnten zeigen, dass bei hoher Belastung die Erholungszeiten im Schichtdienst nicht zur Normalisierung ausreichen. Dies kann schleichende Sensibilisierungsprozesse mit plötzlicher Dekompensation zur Folge haben.
Im Gehirn löst die Stresshormonausschüttung eine Hemmung der Funktion des Hippocampus und anderer übergeordneter Hirnstrukturen (anteriores Cingulum, Stirnhirn) aus. Normalerweise wird das Gefühlserleben, wie es in den Mandelkernen (Amygdala) abgebildet wird, mit dem richtigen Kontext verknüpft und als komplexe Erinnerung abspeichert.
Durch extreme Angst in einer traumatischen Situation kann zum Beispiel die Zusammenarbeit von Amygdala und Hippocampus gestört sein, so dass das Erlebte als Gefühlszustand, Bild, Geruch oder körperlicher Zustand abgespeichert wird, der zudem nicht mit dem richtigen Kontext verbunden wird. In der traumatischen Situation selbst ist dies eine hilfreiche Fähigkeit, um Schmerzen oder Todesangst zu überleben. Danach ist diese Dissoziation nicht mehr notwendig. Ganz im Gegenteil: Die immer wieder ungewollt auftauchenden Erinnerungsfetzen (Intrusionen) sind äußerst schädlich, weil das ständige Wiedererleben von Hilflosigkeit, Schrecken, Ohnmacht und Angst den Menschen immer wieder neu traumatisiert.
Individuelle Bewältigungsstrategien
Traumatherapeuten kennen zwei Grundformen der Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen. Die intrusiv verarbeitenden Menschen setzen sich intensiv mit dem belastenden Ereignis auseinander, erzählen viel darüber und ermöglichen so die Verarbeitung im Gehirn. Die konstriktive Verarbeitungsweise sieht ganz anders aus. Konstriktiv verarbeitende Menschen verschließen sich, erzählen nichts und machen „die Sache“ lieber für sich alleine aus. Bei den meisten Menschen wechseln diese beiden Reaktionsweisen ab: Beide sind normal.