Für den Beginn des Rauchverhaltens im Jugendalter sind vor allem soziale Bezugsgruppen verantwortlich: Freunde, Eltern und Vorbilder. Die Aufrechterhaltung des Rauchverlangens basiert dagegen auf einem Zusammenspiel aus biologischen und psychosozialen Bedingungen. Aus ihnen ergibt sich der jeweils individuelle Charakter der Abhängigkeit, mit der Unfähigkeit einer anhaltenden Abstinenz, mit Toleranzentwicklung gegenüber der Droge, mit Entzugssymptomen und der Dominanz des Substanzkonsums in der Gestaltung des Alltags.
Die biologische Abhängigkeit
Die psychotropen Effekte des Tabakkonsums gehen im Wesentlichen auf das Nikotin zurück. Es vermittelt die wahrgenommenen bivalenten Effekte, mit Antriebsförderung und auch Sedation und ist durch die sekundäre neuronale Adaptation für das Auftreten der Entzugssymptomatik verantwortlich.
Wenige Sekunden nach der Tabakrauchinhalation entfaltet Nikotin seine Wirkung an den nikotinergen Acetylcholinrezeptoren im ZNS. Gebunden werden die Subtypen alpha4 beta2 und alpha7, deren Aktivierung sekundär zum Anstieg bzw. zur Ausschüttung weiterer Neurotransmitter und Hormone führt, darunter Dopamin, Noradrenalin, Adrenalin, Serotonin, Vasopressin, beta-Endorphin, ACTH, Cortisol, Prolactin und Wachstumshormone. Sie sind die eigentlichen Auslöser der psychotropen Effekte: positive Befriedigung (Dopamin), Vigilanzsteigerung, Aktivitäts- und Konzentrationsförderung (Noradrenalin), Dämpfung des Hungergefühls, Stimmungsaufhellung, Beruhigung und Angstlösung (Serotonin). Bei niedriger Nikotinzufuhr kommt es im Rahmen der cholinerg-katecholaminen Aktivierung eher zur anregenden und antriebssteigernden Wirkung. Bei höherer Dosierung stellt sich durch eine cholinerge Blockade und eine Beta-Endorphin-Freisetzung die beruhigend, entspannende und sedierende Wirkung ein.
Die Neuroadaptation ist sicher eine zentrale Ursache der Abhängigkeit. Die Dichte der zerebralen nikotinergen Acetylcholinrezeptoren im Hippocampus und anderen Arealen ist bei regelmäßigem Rauchen, als Folge der prolongierten und repetitiven Rezeptorstimulation, dosisabhängig erhöht, sodass sich bei chronischem Rauchen die Bindungskapazität des Gehirns für das Nikotin erhöht. Therapeutisch bedeutsam ist dabei vor allem, dass diese Veränderung erst nach längeren Abstinenzperioden rückläufig ist. Bleibt das Nikotin aus, entstehen durch die neuronale „up-regulation“ über längere Perioden die Entzugssymptome. Daneben spielen sicher auch andere sekundär neurochemische Adaptationsvorgänge bei der Entzugssymptomatik eine Rolle. So kann es aufgrund der veränderten Transmission von Dopamin und Serotonin unter Entzug zu negativen psychotropen Effekten kommen.
Genetische Prädisposition
Bei einigen Merkmalen der Abhängigkeitsentwicklung, darunter besonders starker Tabakkonsum, früher Konsumbeginn oder extrem leistungssteigernde Wirkung des Nikotins, scheinen genetische Faktoren eine Rolle zu spielen. Eventuell ist die genetische Prädisposition hier zu 30 bis über 50 Prozent an der Abhängigkeitsentwicklung beteiligt. So können Raucher mit genetisch bedingten Funktionsstörungen des cholinergen, dopaminergen oder serotonergen Transmittersystems mehr Nikotin benötigen, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Mehrere Polymorphismen von Rezeptorgenen wurden hier bereits untersucht.
Psychische und soziale Faktoren der Abhängigkeit
Psychologische Erklärungsmodelle zur Abhängigkeitsentwicklung beim Tabakkonsum sind
z.B. das Triebmodell. Dabei ist das Rauchen der Versuch, einen Triebkonflikt zu lösen. Der Tabak dient dazu, Unlust zu verhindern und lustvolle Triebbefriedigung zu maximieren. Andere vermuten, dass der Tabak unbewusst dazu eingesetzt wird, Defekte in der Persönlichkeitsstruktur zu kompensieren, wodurch das Suchtmittel langsam an Selbstheilungscharakter gewinnt.
Aus verhaltenstheoretischer Sicht ist Rauchen vor allem ein erlerntes Verhalten und bei der Entwicklung der Abhängigkeit kommen verschiedene Lernprinzipien zum Tragen. Im Zuge des sozialen Lernens sind Vorbilder, wie Eltern, Lehrer, Freunde oder Idole, aber auch die Werbung. Unter dem Aspekt der klassischen und operanten Konditionierung spielt die Koppelung des Rauchvorgangs mit den rauchbezogenen Effekten an vormals neutrale Stimuli eine Rolle.
Verstärkermechanismen sind dabei z. B. die unmittelbare Nikotinwirkung, das Entfallen der Entzugssymptome, Konzentrationssteigerung und Stimmungsverbesserung, die Erhöhung der Selbstsicherheit, das Gefühl der Zugehörigkeit, das Entlastungsgefühl durch Pausen und vieles mehr. Verhaltenstherapeutische Entwöhnungsverfahren gehen auf diese Lernprinzipien besonders ein. Ein weiterer wichtiger Punkt hinsichtlich des abhängigen Konsums ist das kognitive Lernen. Die positiven Erwartungen an die Wirkung des Tabaks erhöhen das Rauchverlangen. Negative Aspekte des Tabakkonsums werden eher ausgeblendet. Aufrechterhalten wird der Konsum auf dieser Ebene durch die Funktionen, die das Rauchen gewinnt, z. B. als nonverbales Kommunikationsmittel beim Flirt oder zur Kontaktaufnahme.