Prof. Dr. med. Rainer Thomasius ist Mediziner mit Ausbildungen in Psychiatrie, Psychotherapie und Familientherapie. Nach seiner Habilitation 1994, zum Thema "Familiendiagnostik bei drogenabhängigen Adoleszenten", war er als Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) tätig. Hier leitet er seit 1991 im Zentrum für Psychosoziale Medizin den Arbeitsbereich Persönlichkeits- und Belastungsstörungen, mit Psychotherapiestation, Psychotherapieambulanz, Drogenambulanz für Jugendliche und junge Erwachsene sowie Therapiezentrum für Suizidgefährdete. Seit 1995 koordiniert er auch die interdisziplinär besetzte Forschungsgruppe "Designerdrogen" im UKE und ist in verschiedenen Drittmittelprojekten involviert, unter anderem zur Erforschung von Gesundheitsschäden durch Ecstasy oder zu Fragen der Primärprävention.
Thomasius verfasste in der Zeit diverse Veröffentlichungen zum Thema Designerdrogen, u.a. "Lösungsmittelmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen" (Lambertus, 1988), "Familiendiagnostik bei Drogenabhängigkeit" (Springer, 1996), "Ecstasy"
(Enke, 1999), "Ecstasy" (Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2000) oder "Psychotherapie der Suchterkrankungen" (Thieme, 2000) sowie zahlreiche Original- und Buchbeiträge. 2001 wurde er gem. §17 HRG zum Professor für Psychiatrie ernannt. Medicus fragte ihn, worauf ein Arzt beim Ecstasy-Notfall vorbereitet sein sollte.
Medicus: Die Mischung aus möglichen somatischen, neurologischen und psychiatrischen Akutkomplikationen unter Ecstasy klingt äußert anspruchsvoll. Ist der "normale" Notarzt, der Hausarzt oder die Notfallambulanz, mit der Situation überfordert? Wie kompliziert sind solche Notfälle wirklich?
Prof. Thomasius: Nein, Hausärzte und Notfallambulanzen sind nicht überfordert. Obwohl neue Drogen, Applikationsformen und Konsummuster beim nicht suchtmedizinisch erfahrenen Arzt zur Verunsicherung beitragen, ändert sich an der Therapie des Drogennotfalls nur wenig. Der "normale" Notarzt sollte die wichtigsten Akutkomplikationen durch Ecstasymissbrauch kennen: Dies sind internistischerseits die über das Serotonin-Syndrom induzierte Hyperthermie, häufig in Verbindung mit Gerinnungsstörungen mit thrombotisch und/oder hämorrhaghischen Komplikationen verschiedener Organe, Rhabdomyolyse, Leberkoma, Nierenversagen, sowie Störungen im Wasser- und Elektrolythaushalt, vor allem Dehydratationen. Neurologisch ist der zerebrale Krampfanfall die häufigste Akutkomplikation. Sehr selten sind bei Ecstasy-Konsumenten zerebrale Blutungen und Sinusvenenthrombosen aufgetreten. Psychiatrisch findet man substanzinduzierte psychotische Störungen, Panikstörungen und depressive Verstimmung als Folge des Ecstasykonsums.
Medicus: Gibt es klare Anhaltspunkte für den Notarzt, die auf eine Intoxikation mit Ecstasy hinweisen?
Prof. Thomasius: Der Wirkmechanismus von Ecstasy, von MDMA und anderen Methylendioxyamphetaminen beruht auf der Freisetzung des Neurotransmitters Serotonin und erst in zweiter Linie von Dopamin. Bei der Intoxikation ist die Vigilanz gesteigert, nach erhöhten Dosierungen können zerebrale Krampfanfälle auftreten. Wie bei allen indirekten Sympathomimetika können hypertone Krisen mit entsprechenden Komplikationen auftreten. Reflektorisch können sich Blutdruckabfall und Asystolie entwickeln. Diese Phänomene sind aber nicht spezifisch für Ecstasy. Andere amphetaminerge Substanzen, vor allem Amphetamine und Kokain, weisen ähnliche bis identische Wirkungen auf.
Medicus: Gibt es für solche Patienten "die" notfallmedizinische Versorgung? Was ist zu tun?
Prof. Thomasius: Die Behandlung erfolgt symptomatisch unter Berücksichtigung des ABC-Schemas, also Erfassung und Sicherung vitaler Parameter stehen im Vordergrund, ggf. ergänzt durch Abklärung von Suizidalität und Fremdgefährdung sowie durch symptomatische Behandlung von Angst, Paranoia, depressiven und psychotischen Störungen. Nach der Notfallbehandlung sollte der Patient zur weiteren Abklärung und Behandlung in eine Klinik eingewiesen werden. In der Klinik kann dann das weitere Vorgehen unter suchtmedizinischen und neuropsychiatrischen Gesichtspunkten abgeklärt und eine ursächliche Behandlung eingeleitet werden.
Medicus: Wie äußern sich die häufigsten Komplikationen unter dem akuten Missbrauch der Partydroge, und wie sieht hier die "Erste Hilfe" aus?
Prof. Thomasius: Am häufigsten tritt bei Ecstasykonsumenten der zerebrale Krampfanfall auf, der symptomatisch mit Benzodiazepinen durchbrochen wird. Krampfanfälle in Verbindung mit Hyperthermie erfordern ebenfalls die Gabe von Benzodiazepinen, zusätzlich Aufsättigung mit Phenytoin sowie Kühlung und Medikation mit Dantrolen. Bei psychiatrischen Komplikationen sind indikationsgeleitet hoch- und niederpotente Neuroleptika bzw. Benzodiazepine indiziert. Kontraindiziert sind Antidepressiva wegen der Gefahr des Serotoninsyndroms und ß-Rezeptorenblocker wegen der Gefahr von Koronarspasmen.
Medicus: Die Verbindung von Ecstasy zu den Raver-Partys postuliert das klassische Bild des Drogennotfalls in Diskotheken oder auf großen Partys. Entspricht dieses Bild der Realität?
Prof. Thomasius: In Großstädten werden auf Mega-Tanzveranstaltungen mit mehreren hundert, teilweise sogar einigen tausend Teilnehmern zur raschen Akutversorgung der Drogennotfälle immer öfter Sanitäter und Notärzte bereit gestellt. Auf der letzten Love-Parade in Berlin mussten mehrere hundert intoxizierte Personen direkt vor Ort oder in Notfallambulanzen behandelt werden. Da Ecstasy – genauso wie andere illegale Drogen – von jungen Menschen aber zusehends häufiger und auch außerhalb von Tanzveranstaltungen und Partys genommen werden, muss eigentlich jeder in der Akutversorgung engagierte Mediziner über ein gewisses Grundlagenwissen zu den Drogennotfällen verfügen.
Medicus: Kann ein Notarzt hinsichtlich der polytoxikomanen Gebrauchsmuster vieler Ecstasy-Konsumenten überhaupt eine gezielte Notfalltherapie leisten?
Prof. Thomasius: Etwa 90% der Ecstasykonsumenten nehmen zusätzlich zu dieser Substanz Cannabis ein, 70% Amphetamine bzw. Alkohol, 50% Halluzinogene und 30% Kokain. Mischintoxikationen sind also die Regel. Teilweise kommt es zur Wirkungsverstärkung durch Mischintoxikationen, in anderen Fällen zur gegenseitigen Abschwächung psychotroper und systemischer Wirkungen. Vor Ort bleibt dem Mediziner keine andere Wahl als symptomatisch zu behandeln. Wichtig ist die anschließende Klinikeinweisung, damit hier unter intensivmedizinischer Überwachung eine weitere Abklärung und Behandlung erfolgt.
Medicus: Vielen Dank Herr Prof. Thomasius!