Suizidhandlungen sind keine unvermeidbaren und auch keine frei gewählten Entscheide. Suizide geschehen aus langfristigen oder momentanen Verzweiflungen, aus vorübergehenden Krisensituationen mit unterschiedlich langen ambivalenten Vorphasen. Nicht selten ereignen sie sich impulsiv, unüberlegt, unterstützt durch eine veränderte Wahrnehmung unter Alkohol oder Drogen oder unter einer Wahrnehmungsverzerrung krankhaften Charakters, wie einer Depression oder Psychose. Den „Freitod“ als freien rationalen Willensentscheid zu sehen wäre aus ärztlicher Sicht ein fataler Fehler.
Die öffentlich sehr emotional und engagiert geführte Diskussion um Sterbehilfe im Zusammenhang mit unheilbaren Krankheiten oder Siechtum rückt den Suizid in der Öffentlichkeit in falsches Licht. Der Selbstmord wird auf fatal unkritische Weise enttabuisiert, oft sogar suggestiv als eine positive soziale Handlung dargestellt, beispielsweise, dass man für die Familie oder Gesellschaft nicht zur Last werden soll.
So kann man sich ohne großen Aufwand heute nicht nur in so genannten Suizidforen im Internet Beratung holen. Andere Portale bieten auch zweifelhafte Infos an. Zum Teil werden dort Mailinglisten und Chats verbreitet. Es gibt eine unbekannte Anzahl nicht interaktiver Pro-Suizid Webseiten mit Hinweisen auf Suizidmittel und Methoden. In den Foren entsteht ein Freiraum, eigene suizidale Gedanken zu formulieren. Sicher können solche Internetseiten dramatische Folgen für den Einzelnen haben, vor allem aber sollten Sie Ärzte nachdenklich machen. Die hohe „Userfrequenz" solcher Webseiten ist der alarmierende Aufschrei Hilfesuchender nach kompetenten aber leicht zugänglichen und offenen Ansprechpartnern. Kaum ein Jugendlicher oder Erwachsener würde mit suizidalen Gedanken eine psychiatrische Klinik aufsuchen. Die Hemmschwelle wäre zu groß. Die mentale Verfassung solcher Menschen lässt einen Schritt dieser Größe kaum zu. Suizidgefährdete Menschen brauchen vor allem ein offenes Ohr und professionelle medizinische Hilfe.
Es gibt zwei nachdenkenswerte Sätze, die das Phänomen Suizid sehr gut charakterisieren:
„Selbstmörder ist man lange bevor man Selbstmord begeht.“
„Selbstmord ist die Abwesenheit der anderen.“
Sie verdeutlichen auf simple Weise, dass aus psychologischer Sicht beim „Freitod“ von Freiheit keine Rede sein kann, und dass Suizidhandlungen, rechtzeitig erkannt und angemessen behandelt, vermeidbar sind.
Nachuntersuchungen an Menschen, die einen gescheiterten Suizid hinter sich haben, zeigen, dass über 90 Prozent der damals suizidalen Personen noch nach mehreren Jahren oder Jahrzehnten ein normales Leben führen. Dauerhaft resignierte oder gequälte Schicksale bilden unter den Geretteten die Ausnahme, was wiederum bedeutet, dass die Rettung, wenn auch nicht gemäß des momentanen Willens des Suizidenten, aber dennoch in den überwiegenden Fällen gemäß ihres langfristigen Willens erfolgte.
Suizidale Verhaltensweisen sind veränderbar. Sie können erkannt und behandelt werden – im Sinne der Betroffenen.