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Reportage: Dr. med. Nicole Zeller in Nairobi
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05. Dezember 2007
Eintauchen in eine andere Welt

Dr. med. Nicole Zeller war 36 Jahre, als sie im Frühjahr 2005 den Schritt in eine andere Berufswelt wagte: Als Fachärztin für Innere Medizin ging sie vom Klinikum Offenburg nach Mathare-Valley, dem zweitgrößten Slum von Nairobi, von der bürokratischen deutschen Klinik zum ungetrübten medizinischen Handwerk in notdürftig schützenden Baracken, zwischen Müll, finanzieller Armut, Dreck und Kindergeschrei.   Auf dem Flug dorthin war ihr mulmig. „Ich hatte Angst vor dem Neuen, vor dem Fremden und vor meiner eigenen Courage, und ich war froh, dass ich ein Jahr Erfahrung in der Pädiatrie mitbrachte." Doch der Empfang dort war so herzlich, dass die Angst schnell dem Tatendrang wich. „Schon am nächsten Morgen in der Früh sah ich mich mit dem Kollegenteam zu Fuß zur Ambulanz eilen - begleitet von vielen How-are-you-Rufen der Kinder." 


„Meine erste Annäherung an den Slum war beeindruckend. Wir kamen über ein Plateau, das uns zunächst einen Überblick über das Gebiet erlaubte. Wir stiegen durch viel Müll in den Slum hinunter. Es gab eine Abkürzung zur Ambulanz, zur ‚Baraka’, die alle Ärzte dort nahmen. Der Weg ging durch das Gebiet, das auch als Toilette genutzt wurde. Es stank fürchterlich. Mir drehte es den Magen um und ich dachte, dass ich wohl doch für diese Arbeit nicht geeignet bin. Dann saß ich, kaum angekommen, in einem grünen Blechcontainer, mitten im Slum, dem ersten Patienten gegenüber. Ich war schrecklich nervös, hatte Angst mein Englisch würde nicht ausreichen oder ich würde irgendwelche Tropenkrankheiten nicht erkennen. Mir zitterte der Stift. Doch der Kontakt zu den Patienten gelingt leicht. Alle sind sehr freundlich und dankbar und wenn man ein paar Brocken Kisuaheli einstreuen kann, erntet man immer wieder ein Lächeln. Tropenkrankheiten gab es dank der Höhenlage Nairobis weniger als erwartet, hauptsächlich Malaria. Ich arbeitete mich schnell ein und bald wollte ich gar nicht mehr aufhören in der Ambulanz. Das Eis war gebrochen."

Helfen, wo Hilfe bitter nötig ist
Die Patienten, die hier in Mathare-Valley oft nur mit Mühe die notdürftige Ambulanz aufsuchen, sind die Ärmsten der Armen, können sich keinen Arzt und keine Medikamente leisten. Etwa 300 000 Menschen hausen hier, aufgeteilt in acht bis zehn Quadratmeter großen Wellblechhütten, dicht an dicht, meistens auf Lehmboden, ohne Fenster, selten mit Wasser oder Strom. Hier leben Großfamilien auf engstem Raum. Fünf Kinder sind normal, zehn keine Seltenheit. Hier wird gekocht, geschlafen, gegessen. Nicht immer gibt es eine Matratze. Es ist staubig und stickig, Smog liegt in der Luft. Dazwischen, in den vermüllten Gassen, wo sich die Kloaken schlängeln, spielt sich das Leben ab. Hier toben die Kinder und laufen die Hühner. „Am ersten Tag bin ich wie in einem Traum durch die Slums gegangen, ich konnte all die Eindrücke gar nicht verarbeiten.“

Die Baraka, mit ihrer medizinischen Einrichtung, war für die junge Ärztin ein Stück Normalität im Chaos. „Der Arbeitstag läuft im Prinzip wie in einer Praxis ab, so Zeller. „Anamnese, körperliche Untersuchung, eventuell noch ein bisschen Diagnostik und dann möglichst eine Diagnose und eine Therapie für den Patienten. Ich bekam eine kurze Einarbeitung von einer Kollegin. Sehr hilfreich sind die Übersetzer, die in der Regel auch eine medizinische Ausbildung haben und viele Diagnosen im Vorfeld stellen können.   Man ist nicht allein dort. Wir waren sechs ‚German Doctors’, jeder mit Übersetzer, ein fester Stamm einheimischer Mitarbeiter und sehr viele gute Bücher zum Nachschlagen. Trotzdem gab es Herausforderungen zu Genüge. Ich musste nähen, Abszesse spalten, Gipsen, was ich von meiner Arbeit in Deutschland nicht gewohnt war." 

Nicole Zeller arbeitete sechs Wochen in Mathare-Valley - freiwillig und unentgeltlich. Ihr Alltag bestand aus Malaria und Hauterkrankungen, aus Abszessen, Magen-Darm-Infekten, Bronchitis, Otitis oder Tonsillitis und aus Würmern bei fast allen Kindern. Große Probleme waren Unterernährung, Typhus und Tuberkulose, vor allem aber HIV. Sechs Prozent der erwachsenen Kenianer sind HIV-positiv (DSW-Datenreport 2007). In den Slums wird der Anteil der infizierten auf 30 Prozent geschätzt, eine Zahl, die in der Baraka erschütternd Gesichter annahm. „Ausreichend Medikamente und ein paar Geräte wie Ultraschall gibt es zum Glück, nicht soviel wie in Deutschland, aber es reicht.“ Auch eine Apotheke ist vorhanden, ein Verbandsraum, feste Mitarbeiter für die Langzeitbetreuung und Schulung von HIV- und Tuberkulose-Patienten sowie Wachmänner und Putzfrauen.

„Was es nicht gibt, ist Gerechtigkeit“, ergänzt Zeller. „Ich sah viele Menschen sterben, die jünger waren als ich, nur weil sie arm sind. Eine Mutter kam Montag morgens mit ihrem 11 Monate alten Kind in die Ambulanz. Es hatte seit vier Tagen hohes Fieber, Erbrechen und Schnappatmung. Das Kind starb. Wäre sie früher gekommen, hätte es überlebt. Aber die Ambulanz hatte am Wochenende zu und Geld für ein anderes Krankenhaus war nicht da. Eine andere junge Frau kam schwanger. Der Kopf des Fötus war zwischen die Beine gerutscht. Der Rest steckte noch im Unterleib - das Kind war tot, in der 20. Schwangerschaftswoche. Andere sterben jung an AIDS oder Tuberkulose und hinterlassen viele Kinder.“

„Ich bin zutiefst berührt“
In Mathare-Valley bündeln sich die Probleme des Kontinents wie unter einem Brennglas. Eine vergessene Welt, vom noblen Zentrum Nairobis nur wenige Kilometer entfernt. „Für einen behütet aufgewachsenen Menschen wie mich, war die Realität in diesem Megaslum ein Schlag ins Gesicht,“ so die gebürtige Freiburgerin. „Nach westlichem Standard ist das Gebiet nicht bewohnbar. Die hygienische Situation ist desolat. Trotzdem leben diese Menschen hier und haben mich in all diesem Elend mit unvorstellbarer Lebensfreude und Dankbarkeit beeindruckt. Trotz der materiellen Armut sind sie froh und lustig. Sie gehen liebevoll mit ihren Kindern um und der Zusammenhalt unter den Geschwistern ist rührend.


Josephine kann sich dank
abgeheilter Tuberkulose
wieder um ihre sechs Kinder
kümmern.
Als Ärztin konnte ich hier helfen, helfen, helfen – ohne Bürokratie. Davon träumt wohl jeder Arzt. Sicher ist unsere Arbeit hier nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber jedes Einzelschicksal bestätigt auch, wie wichtig sie ist. Viele Patienten können wir dort im Slum von ihren Krankheiten heilen. Es ist schön, wenn ich sie dann sehe und es ihnen besser geht. So wie Josephine, HIV- und Tb-positiv. Ihre Tuberkulose ist heute ausgeheilt und sie kann sich so noch um ihre sechs Kinder kümmern, und das kleinste Kind wurde jetzt HIV-negativ getestet. Das alles hat mich zutiefst berührt. Ich versuche, mir ein Stück davon für Deutschland zu bewahren. Manchmal kann ich jetzt über Eltern schmunzeln, die völlig aufgeregt und genervt sind, weil sie eine halbe Stunde warten müssen.“

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