Seit Januar 2003 ist Dr. med. Johannes Wiesholler niedergelassener Allgemeinmediziner und Chirurg in Palma de Mallorca. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit und über seine Motive, seine Tätigkeit auf die Balearen zu verlegen.
Medicus: Herr Dr. Wiesholler, Sie sind seit einem Jahr auf Mallorca als Arzt tätig. Was hat Sie bewogen, Deutschland zu verlassen und sich in einer Urlaubsregion niederzulassen?
Dr. Wiesholler: Das war eine kurzfristige Entscheidung. Ich habe das Angebot für eine Tätigkeit im Ärztehaus Palma bekommen und bin mit meiner Familie hierher umgesiedelt, um erst einmal abzuwarten, wie sich der Markt für Mediziner in Deutschland entwickelt.
Medicus: Was schätzen Sie an Ihrer Arbeit auf Mallorca?
Dr. Wiesholler: Meine Arbeit hier befriedigt mich sehr, weil ich viel Zeit für die Patienten habe und mich intensiv mit ihnen beschäftigen kann. Als Allgemeinarzt in Deutschland überweist man Patienten sehr schnell an Fachärzte weiter; ich behandle hier Patienten mit sehr unterschiedlichen Erkrankungen. Dieses Spektrum medizinischer Herausforderungen ist äußerst interessant, und ich habe sogar den Freiraum, um in Ruhe etwas in der Literatur nachlesen.
Medicus: Wie wirken sich Strukturunterschiede zwischen dem deutschen und dem spanischen Gesundheitssystem aus?
Dr. Wiesholler: Die meisten Spanier verfügen neben der gesetzlichen Krankenversicherung über eine private Zusatzversicherung, die ihnen die Möglichkeit gibt, sich sowohl ambulant als auch stationär privat behandeln zu lassen. Damit entfallen Wartezeiten für Untersuchungen, wie sie bei der Kassenmedizin üblich sind.
Medicus: Wie viele Ihrer Patienten sind Deutsche?
Dr. Wiesholler: 70 bis 80 Prozent unserer Patienten sind Deutsche, hauptsächlich Residenten und Urlauber. An zweiter Stelle sind es Engländer, an dritter Spanier, die unser Ärztehaus aufsuchen.
Medicus: Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs im letzten Jahr können Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland ambulante Leistungen auch im europäischen Ausland in Anspruch nehmen. Wird das bei Ihnen inzwischen verstärkt nachgefragt?
Dr. Wiesholler: Zu unserem Zahnarzt im Haus kommen jetzt wesentlich mehr Patienten aus Deutschland, die hier eine Versorgung mit Zahnersatz wünschen. In meiner Praxis wirkt sich das bisher weniger aus. Ich muss sämtliche Leistungen privatärztlich liquidieren, die Patienten reichen die Rechnungen bei ihrer Krankenkasse in Deutschland ein und erhalten zwischen 30 und 80 Prozent erstattet, je nach Kasse. Es ist den Patienten nur schwer klar zu machen, dass ich nicht den gleichen Satz berechnen kann wie ein deutscher Arzt mit Kassenzulassung, denn meine Praxis wird nicht durch Praxisbedarf u.ä. von der GKV subventioniert. Ich muss jede Mullbinde erst kaufen, bevor ich sie anlegen kann.
Medicus: Sie leben und arbeiten in einer wunderschönen Landschaft mit hohem Freizeitwert. Gibt es auch Stressfaktoren?
Dr. Wiesholler: Ich arbeite hier völlig eigenverantwortlich, ohne in ein Sozialversicherungssystem eingebettet zu sein, das heißt, ohne den damit verbundenen Druck, aber auch ohne die Sicherheit, regelmäßig von den Krankenkassen Geld zu erhalten. Ich betreibe mit meiner Praxis ein privates Unternehmen, das ich betriebswirtschaftlich führen muss. Das ist interessant, aber auch anstrengend.
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