Bei Stromunfällen ist für den helfenden Arzt äußerste Vorsicht geboten. Der Strom könnte noch fließen, was aber selten erkennbar ist. Außerdem kann die Stromgefährdung sekundär bestehen, während der Helfer vom Hauptereignis abgelenkt wird, z.B. durch umgestürzte Strommasten bei Verkehrsunfällen oder beschädigte Stromleitungen in überfluteten Kellern. So ist es für den Notarzt vor Ort überlebenswichtig, nicht überstürzt einzugreifen sondern sich zunächst einen kurzen Überblick über die Situation und mögliche Gefährdungen zu verschaffen. Für die technische Rettung sowie für die medizinische Rettung ist es sinnvoll auch hier zwischen Nieder- und Hochspannungsunfällen zu unterscheiden.
Die Bergung des Verletzten
Zu allererst muss bei Niederspannungsunfällen möglichst, bei Hochspannungsunfällen zwingend der Stromkreis unterbrochen werden. Im Haushalt besorgt das üblicherweise der Schutzschalter (FI-Schalter), dennoch ist es sicherer die relevanten Geräte abzuschalten, die Netzstecker zu ziehen oder die Sicherungen im Zentralkasten zu entfernen. Ältere Sicherungen am besten rausschrauben. Bei Neuen kann vielleicht eine Person am Kasten darauf achten, dass der Stromkreis nicht ausversehen wieder geschlossen wird. Wenn das alles nicht möglich ist, können Patient und Strom bei Haushaltsstrom auch mit isolierenden Hilfsmitteln, wie Holzstöcken, Plastikgeräten oder zur Not auch mit dick und mehrfach verknüllten Plastikfolien oder massiven Gummihandschuhen voneinander getrennt werden. Die Bergung sollte natürlich schnell gehen, dennoch ist aufgrund der möglichen Verletzungen auch eine schonende Rettung wichtig. Schaufeltragen, Vakuummatratzen oder HWS-Stützkrawatten leisten hier z.B. gute Dienste.
Bei Hochspannungsunfällen darf der Gefahrenbereich erst nach der Unterbrechung des Stromkreises durch Fachpersonal betreten werden. Berührt eine Hochspannungsleitung den Boden, wird im Erdreich ein kreisförmiges Spannungspotenzial aufgebaut, das mit Entfernung zur Stromquelle abnimmt. Man spricht dann von einem „Spannungstrichter". Überbrückt jemand mit seinem Schritt dieses Spannungsgefälle, kommt es zum Stromfluss durch den Körper und somit zum Stromunfall. Kleine Schritte bedeuten dabei kleine Spannungsdifferenzen und damit wenig Strom und umgekehrt. Der Mindestabstand sollte 10 bis 20 Meter betragen. Bei Hochspannung besteht zudem die Gefahr eines „Lichtbogens". Die Spannung kann vom Kabel überspringen. Hier gilt ein Mindestabstand von vier bis fünf Metern (1cm/1000 Volt).
Im Bahnhofsbereich können so genannte Kurzschließer bestimmte Bereiche stromfrei halten, bei Hochspannungsleitungen ist die regionale Stromgesellschaft zuständig. Der Notarzt organisiert die Freischaltung am einfachsten über seinen Rettungsdienstkanal, wo die zuständige Rettungsleitstelle die Zuständigen über die Polizei vermittelt. Ist die Polizei schon vor Ort, liegt es in ihrem Zuständigkeitsbereich. Notrufnummern, wie die 110 oder die 112 sind natürlich auch dienlich. Der Sicherheitsbeauftragte muss sich dann vor Ort ausweisen und als Erster (!) die Gefahrenstelle betreten. Es besteht immer die Gefahr von Restspannung. Eventuell müssen Bereiche noch abgedeckt werden. Für Unfallopfer und Arzt entstehen durch das restriktive Vorgehen zum Teil psychisch sehr belastende Momente. Der Patient versteht vielleicht nicht, warum keiner hilft. Alternativen gibt es jedoch nicht.
Eine Besonderheit besteht bei der Rettung von Unfallopfern aus Führerhäuschen von Maschinen. Der Fahrerraum wirkt wie ein Faradayscher Käfig, das heißt, die Person ist trotz Spannung im Häuschen sicher und darf es auf keinen Fall verlassen oder mit den Außenmetallteilen in Kontakt kommen, bis der Strom abgestellt ist.
Medizinische Rettung
Nach der technischen Rettung sind Stromunfallopfer im Prinzip primär wie alle Notfallopfer zu behandeln. Bestehende Vitalstörungen werden bis zur kardiopulmonalen Reanimation therapiert. Ein kontinuierliches Basismonitoring mit EKG, Pulsoximetrie, RR-Messung und einmaliger BZ-Messung sowie ein zügig gelegter venöser Zugang sollte Standard sein. Ist der Patient stabil erfolgt eine eingehende Untersuchung mit besonderem Augenmerk auf die neurologische Situation und eine vor allem symptomatische Behandlung (z.B. Verbrennungen, Frakturen). Danach ist immer (auch bei Niederspannungsunfällen) im Krankenhaus eine eingehende diagnostische Untersuchung zu empfehlen, besonders für SM-/AICD-Träger und Schwangere. Hochspannungsopfer gehören dabei aufgrund ihrer Verbrennungen nicht unbedingt in ein entferntes Verbrennungszentrum. Besser ist die direkte Einweisung in eine nahe gelegene chirurgische Notaufnahme, um lebensbedrohliche Begleitverletzungen, wie Pneumothorax, Milzruptur oder HWS-Frakturen zu versorgen.
Schwangere haben prinzipiell das gleiche Risiko wie jeder Erwachsene, läuft die Stromachse durch den Uterus, ist das allerdings schon ab etwa 25mA für 0,3 Sekunden tödlich für das ungeborene Kind. Für Träger von Herzschrittmachern bzw. AICD-Implantaten gilt, dass der externe Stromeinfluss schon bei geringen Stärken die Implantate beeinträchtigen kann. So kommt es möglicherweise zum Komplettausfall, zu asynchronen Stimulationen oder das Gerät wird einfach in den Grundmodus zurückversetzt. Alle Varianten bergen für den Träger letale Risiken.
Besonderheiten bei Niederspannungsunfällen
Bei Unfällen im Niederspannungsbereich steht die kardiale Auswirkung im Vordergrund. Abgesehen vom Kreislaufstillstand ist eine antiarrhythmische Therapie selten indiziert und prophylaktisch obsolet. Ist eine solche Therapie aus hämodynamischer Sicht sinnvoll, folgt sie den gängigen Therapieschemata.
Die Chancen auf erfolgreiche Reanimation sind nach Stromunfällen allgemein deutlich höher, als bei Kreislaufstillständen anderer Ätiologie. Möglicherweise führt der Stillstand des Zellmetabolismus zu einer erhöhten Hypoxietoleranz. Ein Faktor ist aber sicher auch, dass die meisten Opfer eher jung und von guter kardialer Gesundheit sind. Die Reanimation ist im Allgemeinen daher durchaus aggressiv und – je nach Umstand – auch verlängert sinnvoll.
Besonderheiten bei Hochspannungsunfällen
Hohe Stromstärken bzw. -dichten hinterlassen vor allem elektrothermische Schäden, das heißt Verbrennungen bis zur Verkohlung an Haut und inneren Organen. Für die Notfalltherapie steht nach der Stabilisierung des Patienten die Volumensubstitution an erster Stelle. Die inneren, knochennahen Verbrennungen sind äußerlich nicht feststellbar, können aber von massivem Ausmaß sein. Ein Starkstromopfer benötigt daher deutlich mehr Volumen, als ein anderes Verbrennungsopfer. Die gängigen Formeln zur Errechnung des Flüssigkeitsbedarfs, z.B. der Volumenbedarf gemäß Parkland-Formel nach Baxter, dürfen deshalb nicht uneingeschränkt übernommen werden. Die dadurch ermittelten Werte sind als Mindestwerte anzusehen und unter Umständen drastisch nach oben zu korrigieren, auch mit Blick auf eine mögliche Crush-Niere. Die aussagekräftigsten Anhaltspunkte für eine ausreichende Volumensubstitution sind die stabile Hämodynamik und eine Stundendiurese von mindestens ein bis zwei Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht. Mindestens zwei großvolumige Venenzugänge sind dazu sinnvoll.
Ist der Patient stabil, entspricht die weitere Versorgung der normaler Verbrennungsopfer, mit Kühlung und steriler Abdeckung der Hautverbrennungen. Vor übertriebener Kühlung sei jedoch gewarnt: Die periphere Vasokonstriktion kann die Nekrosezonen sekundär vergrößer und paradoxerweise so einen „Afterburn“ mit Schadensverstärkung verursachen.