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Interview Dr. Sperhake
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09. September 2008
Gerichtsmedizin im Fernsehen: „Pietätslose Gesellen und zu viel Budenzauber“

Dr. med. Jan Sperhake, Gerichtsmediziner aus Hamburg, nimmt für das Fernsehen die Drehbücher von Krimis unter die Lupe. Serien wie „Tatort" oder „Die Gerichtsmedizinerin" bekommen so ihren wissenschaftlichen „Schliff". Medicus fragte, inwiefern „Quincy“ und Co. der Realität entsprechen, welchen Einfluss das TV-Image auf seinen Berufsstand hat und wo im Alltag Faszination und Nervenkitzel liegen.

Medicus
Herr Dr. Sperhake, Sie redigieren neben Ihrer Tätigkeit als Gerichtsmediziner Fernsehkrimi-Drehbücher? Finden Sie Ihren Beruf so spannend, wie im Fernsehen dargestellt?

Dr. Sperhake
Viele stellen sich die Gerichtsmedizin spannend und abwechslungsreich vor – zu Recht! Auch auf mich hatte nach dem Medizinstudium das Fach Rechtsmedizin die größte Anziehungskraft. Dabei ist es geblieben. Dass ich jetzt auch Drehbücher für das Fernsehen redigiere, hat sich irgendwie ergeben. So traten Produktionsfirmen und Drehbuchautoren bei der Entwicklung von Serien in den letzten Jahren verstärkt an die Rechtsmedizin heran. Zum Teil gab es da zufällige persönliche Bekanntschaften, zum Teil waren es allgemeine Anfragen an das Institut, die letztlich auf meinem Schreibtisch gelandet sind.

Medicus
Was erwarten die Drehbuchautoren von Ihnen?

Dr. Sperhake
Meine Aufgabe liegt darin, zu schauen, ob die Darstellung aus naturwissenschaftlicher Sicht passt. Sind die Untersuchungsschritte sinnvoll? Sind die Schlussfolgerungen zur Todeszeit nachvollziehbar? 

Medicus
Im Fernsehen arbeitet die forensische Medizin blitzschnell und unfehlbar. Kein Geheimnis, dass nicht gelüftet wird und das binnen kürzester Zeit. Entspricht das der Realität?

Dr. Sperhake
Es kommt in fast allen Serien vor, dass der Rechtsmediziner sich am Tatort kurz über die Leiche beugt und sagt: „Todeszeitpunkt war gestern, zirka 13.15 Uhr. Sieht nach Vergiftung aus". Das ist natürlich quatsch. Das Image versuchen fast alle Produktionen zu vermitteln. Da wird eine Genauigkeit vorgetäuscht, die es in der Realität nicht gibt. Sie ist für den Plot hilfreich, aber fern des Machbaren. 

Wir arbeiten so akribisch und so genau wie möglich, dennoch lassen unsere Ergebnisse häufig einen gewissen Interpretationsspielraum. Medizin ist selten exakt und sich hinzustellen und zu behaupten, das Verbrechen muss sich genau so und nicht anders abgespielt haben, ist in der Realität selten möglich. 

Toxikologische und serologische Untersuchungen, wie DNA-Analysen, brauchen ihre Zeit – meist länger als im Fernsehen dargestellt, wobei natürlich besonders wichtige Fälle Priorität haben können. Eine Leiche „wartet“ bei uns in der Regel nicht länger als 12 Stunden auf die Leichenschau. Wenn wir an den Fundort gerufen werden, lassen wir alles andere stehen und liegen, denn für die Ermittlungen der Mordkommission spielt der Zeitfaktor eine große Rolle. Ob es aber letztlich Mord war oder nicht, ist allein Entscheidung des Gerichts. Wenn ich die Schlussfolgerung „Mord“ vor Gericht in den Mund nehme, wie im Fernsehen oft dargestellt, bin ich in der Realität schnell weg vom Fenster. Das fällt überhaupt nicht in unsere Kompetenzen.

Medicus
Hat das Fernsehimage der forensischen Medizin die Erwartungen von Angehörigen, Polizei oder Gericht in die Höhe geschraubt?

Dr. Sperhake
Eine etwas gestiegene Erwartungshaltung meine ich schon wahrzunehmen. Das betrifft allerdings weniger die „alten Hasen“ bei der Polizei und bei den Gerichten sondern eher diejenigen, die sich nicht täglich mit rechtsmedizinischen Sachverhalten auseinandersetzen müssen. So kommt es im Strafprozess gar nicht so selten vor, dass man auf ein gewisses Unverständnis trifft, wenn man den Tatablauf eben nicht hundertprozentig rekonstruieren kann oder wenn der Todeszeitpunkt unklar bleibt.

Medicus
In US-Serien, wie CSI, werden am Tatort Schwarzlicht und Chemikalien zur Spurensuche bemüht und im Labor geht es mit futuristischen Laseranalysen weiter. Was sagen Sie dazu?

Dr. Sperhake 
Bei CSI wird immer viel Budenzauber veranstaltet. Oft regt mich das richtig auf. Da wird zum Beispiel eine Kerbe im Knochen mit dem Rasterelektronenmikroskop gezeigt, die ich mit bloßem Auge sehe. Unsere Arbeit beschränkt sich eher auf Obduktionen und normale Standardlaboranalysen. Bei besonderen Fragestellungen werden natürlich auch „Hightech“-Methoden eingesetzt, wozu bei uns in letzter Zeit auch die Computertomografie gehört. Die Molekularbiologie gehört heute zu den gängigen Methoden. Biomechanische Analysen sind speziellen Fragen vorbehalten. Wir arbeiten dazu eng mit Molekularbiologen, Physikern, Chemikern, Anthropologen und Ingenieuren zusammen.

Medicus
Das Geheimnisvolle, spektakuläre Tötungsmethoden und hautnaher „Grusel“ prädestinieren Ihren Beruf für hohe Einschaltquoten. Worin liegt für Sie die Faszination?

Dr. Sperhake
Der Arbeitsalltag des Rechtsmediziners kennt kaum Routine. Das ist einerseits abwechslungsreich, kann aber andererseits durch die ständig anfallenden ad hoc Aufgaben sehr belastend sein. Rechtsmedizin ist durch die unmittelbare Verflechtung mit dem Alltagsgeschehen paradoxer Weise sehr lebensnah.

Als persönlich bereichernd empfinde ich unsere Rolle als Vermittler zwischen der Medizin einerseits und anderen Berufsgruppen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft, oder den Angehörigen eines Verstorbenen. Wir müssen von Berufs wegen die häufig unverständliche Fachterminologie meiden und sind vielleicht von daher ganz gut geeignet, medizinische Sachverhalte in einer Gerichtsverhandlung   oder in einem schriftlichen Gutachten für die Allgemeinheit verständlich zu machen.

Im Fernsehen wird der Arbeitsalltag des Rechtsmediziners extrem auf den Aspekt Todesursachenklärung verengt, obwohl wir noch eine Vielzahl von anderen Aufgaben haben. Viele wissen gar nicht, dass wir auch lebende Personen untersuchen, wenn sie z.B. Opfer einer Gewalttat geworden sind oder einen strittigen Arbeitsunfall hatten. Der Bereich Forschung und Lehre spielt an der Universität natürlich auch eine große Rolle. Es gibt vieles, was das Fernsehen uninteressant findet, was aber auch sehr spannend sein kann.

Medicus
Der Umgang mit Leichen ist in Ihrem Beruf alltäglich. Gab es für Sie trotzdem so etwas, wie eine „Feuertaufe“? Ich denke da zum Beispiel an große öffentliche Fälle, an Exhumierungen oder Leichen, die lange nicht gefunden wurden. 

Dr. Sperhake
Die „großen" öffentlichkeitswirksamen Fälle sind vergleichsweise selten und die sich daraus ergebenden vermehrten Nachfragen und der - subjektiv - höhere Ermittlungsdruck, der an uns weiter gegeben wird, ist eher lästig. Spannend sind häufig ganz andere Dinge. Der plötzliche Tod eines scheinbar gesunden Mannes, bei dem wir dann eine seltene Erkrankung finden, kann viel interessanter sein, als ein Mord mit 25 Messerstichen. 

Exhumierungen und Leichen mit Fäulnisbefall sind sicher immer eine Überwindung. Es ist keine Seltenheit, dass Leichen länger unentdeckt in ihrer Wohnung liegen und an heißen Sommertagen beginnt die Fäulnis schon nach zwei Tagen. Körper mit Verwesungsmerkmalen kommen erst direkt vor der Obduktion in die Gerichtsmedizin. Der Geruch ist so durchdringend, dagegen kommt keine von den Belüftungsanlagen an. 

Medicus
Empfinden Sie Ihren Beruf generell als psychisch besonders belastend?

Dr. Sperhake
Ja und nein. Ich will nicht behaupten, dass das gesamte Elend, mit dem man so oft konfrontiert wird, völlig folgenlos an mir abperlt. Andererseits entsteht so etwas wie eine professionelle Distanz, die auch notwendig ist, um unvoreingenommen und objektiv arbeiten zu können. Insofern wird die Obduktion zur Normalität. 

Medicus
Im Fernsehen treten Ihre „Kollegen“ als hartgesottene Gesellen auf, die ihr Butterbrot neben der Leiche essen. Finden Sie sich da wieder?

Dr. Sperhake
Nein, das ärgert mich sogar, weil dieses Klischee bis zum Erbrechen strapaziert wird und weil es pietätslos ist, im Sektionssaal zu essen. Wir amüsieren uns auch nicht auf Kosten der Verstorbenen, was nicht heißt, dass im Sektionssaal Grabesstille herrschen muss. Generell ist das Spektrum von Charakteren in der Rechtsmedizin so breit wie in anderen Berufsgruppen. Ich selbst habe unter meinen Kollegen – in Hamburg wie anderswo – außergewöhnlich viele lebenslustige und vielseitig interessierte Menschen kennen lernen dürfen. Wenn überhaupt, so sind vielleicht diese Eigenschaften charakteristisch für Rechtsmediziner.

Medicus
Welche gerichtsmedizinische Fernsehserie entspricht in Ihren Augen am ehesten der Realität?

Dr. Sperhake
Grundsätzlich kann man vielleicht sagen, dass die deutschsprachigen Produktionen - insbesondere die eher dokumentarischen - oft realitätsnäher sind als die Amerikanischen. Das ist aber leider nicht immer der Fall.



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