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Interview: Einsatznachsorge im Privaten
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18. Dezember 2006
Der Interviewpartner möchte anonym bleiben, um keine beruflichen Nachteile zu erleiden. Er ist als Notarzt seit vier Jahren im so genannten „Rendez-vous-System" einer mittelgroßen Kreisstadt tätig. Das heißt, er hat das NEF (Notarzt-Einsatz-Fahrzeug) vor der Haustür und muss alleine, ohne Fahrer oder Beifahrer, zum Einsatzort finden.

Medicus: Was für Einsätze belasten Sie als Notarzt am meisten? 

Für mich sind das klar die Unfälle. Die sind am schlechtesten zu berechnen. Man weiß nie, was auf einen zukommt. Als Notarzt gehören zirka 70 Prozent der Fälle ins Gebiet der Inneren Medizin und Neurologie, das heißt akute Atemnot, Herzinfarkt, Schlaganfall, akutes Abdomen et cetera. Etwa 10 Prozent der Notfälle sind psychischer Natur bis hin zu Suizidversuchen. Die restlichen 20 Prozent sind chirurgisch-traumatische Fälle, in der Regel Arbeits-, Haus- und Verkehrsunfälle. 

In etwa 90 Prozent der Fälle kann ich die Lage gut einschätzen, den Behandlungsalgorhythmus festlegen und der Situation entsprechend die richtige Entscheidung treffen. Wichtige Stressfaktoren sind meiner Erfahrung nach schlecht einschätzbare Situationen, Angehörige am Einsatzort und die hohe Erwartung des Rettungsdienstpersonals an den Notarzt. 

Aber auch scheinbar einfache Dinge, wie die Suche nach der richtigen Straße und Hausnummer oder die schlechte Verkehrslage, gehören zu den Stressoren.

Medicus: Wie erleben Sie Einsätze bei Unfällen?

Bei den Unfällen kann man teilweise schreckliche Szenen und Bilder erleben, wenn zum Beispiel einem Arbeiter ein Arm halb abgerissen wurde oder ein Autofahrer im Pkw eingeklemmt ist. Damit muss man als Notarzt psychisch umgehen können. Mich persönlich schockt das nicht. Ich empfinde aber in diesen Momenten oft ein Gefühl der Hilflosigkeit und Leere. Nicht selten kommt es dadurch zu klassischen Übersprungshandlungen. 

Medicus:Was für eine Erwartung haben Sie an sich selbst?

Im Sinne des Patienten das Bestmöglichste zu tun. Das kann in dem einen oder anderen Fall auch mal bedeuten, besser nichts zu tun! Das ist manchmal schwer, weil man diese Entscheidung in der Regel alleine treffen muss. 

Medicus: Wie gehen Sie mit Zweifeln um, ob Sie alles richtig gemacht haben? 

Ich halte es für eine normale menschliche Reaktion, dass man diese Entscheidungen in Stresssituationen später auch hinterfragt. In der Regel spreche ich aber nicht offen darüber. Dies würde eine Schwäche offenbaren. 

Grundsätzlich bespreche ich solche „Zweifel" nicht mit Kollegen aus meinem Rettungsdienstverband und schon gar nicht mit den Rettungsassistenten. Wenn ich sage, dass ich etwas hätte besser machen können, steht mein „Ruf" auf dem Spiel. 

Bei vielen Einsätzen bekomme ich mit, wie über andere Notärzte geredet wird. Das heißt, ich kann sicher sein, dass über mich auch geredet wird. Da will ich keinen zusätzlichen Gesprächsstoff liefern. 

Medicus: Haben Sie schon einmal gemerkt, dass Sie überlastet oder sogar traumatisiert waren?

Nein, traumatisiert war ich noch nie, überlastet schon. Wenn ein normaler Arbeitstag in der Klinik zurückliegt und man in der Nacht im Zweistunden-Rhythmus aus dem Bett geschmissen wird, geht dir spätestens um vier Uhr morgens die Luft aus. Wenn dann noch ein „kleiner“ Autounfall mit vier Jugendlichen dazwischenkommt, die bei der Heimfahrt von der Disco verunglückt sind, bin ich an meiner Grenze. 

Medicus: Wie überwinden beziehungsweise verarbeiten Sie belastende Unfälle? Gibt es bestimmte Strukturen oder Hilfen in Ihrem Rettungsverband?

Nein, es gibt bei uns keine Einsatznachsorge oder einen kompetenten, dafür bestimmten Partner. Wir reden nach schweren Unfällen ab und zu miteinander über belastende Situationen. Aber meistens nur kurz und oberflächlich, wie etwa.: „Ja, der zerquetschte Oberschenkel, das sah furchtbar aus" oder „das Kind hat ja wirklich gelitten". Meine Gefühle oder Zweifel zeige ich in diesen Gesprächen nicht. Ich will und kann nicht vor anderen im Team Schwäche zeigen oder zweifeln. Wie bereits gesagt, das könnte mir auch als mangelnde Kompetenz ausgelegt werden und möglicherweise den nächsten Einsatz erschweren. 

Meine wahren Gefühle und Einschätzungen zeige ich im Privaten. Denn es ist, zumindest für mich, sehr wichtig, auch über diese Aspekte zu reden. Ich kann hierüber gut und ausführlich mit meiner Frau reden. Meiner Meinung nach sind solche offenen Gespräche nur mit einer Vertrauensperson möglich.  

Medicus: Wie gehen Sie mit Entscheidungen um, die sich später als „nicht optimal“ herausstellen? 

Um die Dinge beim nächsten Mal besser zu machen, erörtere ich sie mit einer mir vertrauten Person, in diesem Fall ein alter Studien- und auch Notarztkollege aus einem anderen Kreisverband.

Medicus: Würden Sie eine Nachsorgemöglichkeit für Ihre Arbeit befürworten?

Wenn man nach belastenden Einsätzen mit anderen Fachkräften aus dem eigenen Verband reden sollte, im Sinne eines „Debriefing", um eine Traumatisierung zu verhindern, ist meiner Meinung nach die Schweigepflicht ein absolutes Muss. Denn nur, wenn ich die Gewissheit habe, dass nicht jeder über meine Gefühle plappert, kann ich mich öffnen.



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