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Interview mit Dr. Frank Praetorius
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16. Mai 2006

Der Internist und Kardiologe Dr. Frank Praetorius arbeitet freiberuflich als Wissenschaftler, zuletzt über ethische Probleme in der Kardiologie sowie über evidenzbasierte Medizin und Leitlinien (publiziert 2005). Praktisch und theoretisch (u. a. Monografie „Gesund an Bord“) ist er Reisemediziner. Zuvor war er 25 Jahre Chefarzt der Medizinischen Klinik I in Offenbach am Main. 

Seit 1979 ist Dr. Praetorius Hochseesegler mit weltweiten Erfahrungen inklusive der Überquerung des Nordatlantik und des Bereichs Kap Horn-Antarktis. Er ist Vorstandsmitglied in der Kreuzerabteilung (Fahrtensegler) des Deutschen Seglerverbandes (DSV) und dort neben medizinischen Fragen für das Chartersegeln zuständig (Buchtitel: „Charter Segeln“).

Medicus:
Für welche Personen, die vielleicht älter oder nicht optimal gesund sind, wäre eine Untersuchung vor Antritt eines längeren Segeltörns zu empfehlen? Welche Art von Untersuchung bietet sich an?

Dr. Praetorius
Bezüglich des Alters gibt es für Fahrtensegler keine „harte“ Altersgrenze. Fängt man erst mit 50 Jahren oder später mit Segelreisen an, genügt meist – im Reisebereich B1 und B2, (siehe Tabelle)   eine allgemeine Gesundheitsuntersuchung durch den Hausarzt, wie sie ja eigentlich auch sonst stattfinden sollte. Für Jüngere gilt dasselbe, wenn sie in ihrer Vorgeschichte schwere Erkrankungen hatten – und wenn sie unter Nikotinbelastung stehen oder andere Risikofaktoren haben wie etwa Blutfette, Hochdruck, Diabetes.

In Hinsicht auf Ziel und Dauer der Reise bietet sich eine Einteilung nach Reisebereichen an, wobei die Erreichbarkeit von ärztlicher Hilfe und von Medikamenten das wesentliche Kriterium ist, anders als in der Berufsschifffahrt. Der folgenden Tabelle können Segler leicht dem geplanten Törn den Reisebereich zuordnen. 

Reisebereiche für  Fahrtensegler [1]

B 1 NahbereichKüstennahe Tagesausflüge, ärztliche Hilfe in 2-4 Stunden erreichbar.
B 2 Mittlerer BereichÜberfahrt; meist täglicher Aufenthalt in Buchten oder Häfen.
B 3 Landfern Langtörn; mehr als 3-4 Tage auf hoher See.
C (Sub-) Tropen Charter oder Langtörn; in Kombination mit B 2 und B 3.


Im Falle der Reisebereiche B3 oder C empfiehlt sich die Untersuchung durch einen reisemedizinisch spezialisierten Arzt in Wohnortnähe, den man direkt ansprechen kann. Man findet ihn unter http://www.crm.de/beratungsstellen/index.asp oder über Tel. 0211–904 (Centrum für Reisemedizin).

Medicus:
Als Tourensegler kennen Sie die medizinische Ausstattung von zu charternden Booten und Schiffen. Wie beurteilen Sie diese generell?

Dr. Praetorius:
Auch bei Fahrten im Nahbereich müssen alle Segelyachten eine Erste-Hilfe-Box mitführen, die weitgehend der Ausrüstung eines Kraftwagen-Verbandskastens (DIN 13164) entspricht. Ihren Inhalt sollte man vor Törnbeginn überprüfen. Er ist heute im allgemeinen in Ordnung.

Medicus:
Welche Medikamente oder Instrumente könnte ein mitsegelnder Mediziner sinnvoll zusätzlich mitführen? 

Dr. Praetorius Eine Liste dieser Medikamente und Instrumente wird von mir in jedem Jahr für die Mitglieder der Kreuzerabteilung des Deutschen Seglerverbandes DSV aktualisiert (www.kreuzer-abteilung.org). Sie umfasst zur Zeit 30 Mittel gegen Schmerzen, Infektionen (Antibiotika), Bronchitis und Asthma, Allergie, Herz-Kreislauf-erkrankungen, Magen-Darmkrankheiten, Seekrankheit sowie für Nase und Ohren, zur Wundversorgung und zur Beruhigung. Für Langtörn und Tropenfahrt gibt es Erweiterungen, zum Beispiel Malariaprophylaxe und stärkere Antibiotika.

Medicus:
Auf welche gesundheitlichen Aspekte sollten Segler auf Törns besonders achten, etwa im Umgang mit dem knappen Wasser oder hinsichtlich Lichtschutz?

Dr. Praetorius Auf See ist der Flüssigkeitsverlust durch Wind und Sonne immer sehr groß, nicht nur in den Tropen. Von amerikanischen Marine-Medizinern wird eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr – der Arzt sagt „Hydratation“ – als das wichtigste Element der allgemeinen Vorbeugung bezeichnet. Sie bewahrt vor Erschöpfung und Hinfälligkeit durch Hitze, vor Kreislaufkollaps und Hitzschlag und vor dem Ausbruch einer Reihe von Krankheiten, darunter Blinddarmentzündung, Gallenkoliken und sogar Herzinfarkt. Da das subjektive Durstgefühl sehr unzuverlässig ist – vor allem im Alter ist es zu gering ausgeprägt –, empfiehlt sich eine uralte Beobachtungsmethode: Dunkler und damit chemisch konzentrierter Urin ist ein Zeichen für beginnenden „Wassermangel“: Jetzt muss mehr getrunken werden! Übrigens: Alkohol steigert die Urinausscheidung und ist deshalb hier nicht das richtige Mittel.

Das so dringend nötige Süßwasser an Bord ist auch ein hygienisches Problem. Man sollte es vor dem Genuss 15 bis 20 Minuten sprudelnd kochen lassen. Ein großer Mineralwasservorrat ist die bessere Lösung.

Die Frage nach dem Lichtschutz beantwortet am besten der Hausarzt: Welche individuelle Empfindlichkeit besteht? Wer es mit dem Sonnenbaden nicht übertreibt und kein gefährdeter Typ ist, kann mit Lichtschutzfaktor LF 6 bis 8 auskommen; andere benötigen LF 20 und mehr.

Medicus:
Gibt es bestimmte Verletzungen, die beim Segeln relativ häufig vorkommen? Vielleicht auch beim Jollen- und Regattasegeln?

Dr. Praetorius Fast täglich kann es auf See zu kleineren Wunden und Schrammen kommen, nicht selten zu Prellungen und kleineren Blutergüssen. Das gilt für alle Segler, auch auf kleineren Booten. Zum Glück selten sind Verletzungen des Kopfes - vor allem wenn mögliche Bewegungen des Baumes immer bedacht werden –, und der Wirbelsäule. 

Medicus:
Gibt es typische Überlastungssymptome, die bei Leistungssportlern im Bereich Segeln auftreten können?

Dr. Praetorius Eigentlich kaum, wenn für regelmäßige Wechsel mit anderen Bewegungen und für Ruhepausen gesorgt wird. Gemeinsam mit dem Trainings- und Reha-Zentrum „SPOREG“ haben wir ein Fitnesstraining für Fahrtensegler entworfen, das von Interessierten über www.kreuzer-abteilung.org bestellt werden kann.([1])

Medicus:
Von der Seekrankheit sind ja manche Segler mehr betroffen und andere weniger. Was würden Sie jemandem raten, der recht häufig von der Seekrankheit betroffen ist?

Dr. Praetorius Medikamentöse Vorbeugung ist meist Glaubenssache oder erfordert „harte“ Methoden wie Scopolamin-Plaster, die dann allerdings zum Rudergehen und Arbeiten an Deck unfähig machen. Davon abgesehen bleiben nur wenige Ratschläge, die hier kurz vorgestellt werden: 

Richtige Vorbereitung an Land:

  • Stellen Sie sich auf die Seereise mental richtig ein (eventuell psychotherapeutische Vorbereitung).
  • Üben Sie einmal täglich den einbeinigen Stand auf festem Schaumstoff (zirka 9 Zentimeter dick).
  • Trinken Sie 24 Stunden vorher keinen Alkohol (solange hält der sich im Gleichgewichtsorgan).
  • Essen Sie vorher keine „schwere“, also fettreiche Mahlzeit, das gilt auch für die Abfahrtsfeier.
  • Vermeiden Sie starke Gerüche wie etwa Diesel.
  • Treten Sie nicht mit „Grippe“ oder Ähnlichem die Fahrt an.
  • Leicht gesagt, schwer getan: Sorgen Sie für gute Stimmung.       

Kontrolle der Körperposition durch Auge und Stellungssinn

  • Halten Sie sich im Cockpit oder auf der Brücke auf, am besten stehend, den Blick auf den Horizont oder auf Fixpunkte (zum Beispiel Sterne) gerichtet. Die Blickfeldstabilisierung stabilisiert auch die Kopfhaltung. Zugleich wird dadurch der Stellungssinn richtig stimuliert, Stichwort „fest auf beiden Beinen“. 
    Das Wichtigste: Unnötige und schnelle Kopfbewegungen vermeiden.
  • Seien Sie aktiv, am besten als Rudergänger. Aber Vorsicht: Nicht zu oft auf den Kompass starren.
  • „Aktiv sitzen“: Mit der Nacken- und Rückenmuskulatur Kopf und Körper oberhalb der Hüften aufrecht halten. Amerikanische Segler sagen „ride the waves“.
  • Verrichten Sie keine Arbeiten unter Deck, vor allem nicht am Kartentisch oder in der Pantry oder im Motorraum.
  • Der Anpassungsvorgang sollte nicht unterbrochen werden. So ist in den ersten Tagen eines Törns das Ankern einem Landgang vorzuziehen.        

Wie lange das alles dauert? Einfach bis man sich richtig wohlfühlt – meist sind es drei Tage.

Wer an speziellen Kenntnissen über die Seekrankheit interessiert ist, kann einen ausführlichen Text anfordern: Praetorius F.: Die Seekrankheit. Nautische Nachrichten 4/2002, 34-47.


Kontakt:

Dr. med. Frank Praetorius 
Facharzt für Innere Medizin/Kardiologie; Reisemedizin
Vorstandsmitglied der Kreuzer-Abteilung (DSV)

Lauterbornweg 27
63069 Offenbach (Main) 
Telefon: (069) 843445
Fax: (069) 83837803

E-Mail: e.u.f.praetorius@t-online.de

Ergänzende Informationen zum Fahrtensegeln sind auch auf der privaten Homepage von Dr. Praetorius zu finden: http://www.frank-praetorius.gmxhome.de/segeln_4_medizin-an-bord.html 


([1]) Dr. med. Frank Praetorius und Dr. phil. Roland Stutz: Fitness für Fahrtensegler. Nautische Nachrichten 4/2003, Seite 32-45


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