Die Firma DuPont beschrieb erstmalig im 19. Jahrhundert eine Unfallpyramide, die besagt, dass einem Unfall mit Todesfolge zirka 30.000 Bagatellunfälle vorausgehen. Durch die zahlenmäßige Reduktion der Bagatellunfälle gelang es der Firma, die Unfallzahlen mit relevanter Schädigung auf ein Prozent des Branchendurchschnitts zu reduzieren.
Die sogenannte „DuPont-Pyramide“ sollte die Basis für viele künftige Fehleranalysesysteme werden. Die USA etablierte im 2. Weltkrieg ein entsprechend basiertes Meldesystem für praktische Fehlleistungen in der Air-Force und konnte die Leistungen ihrer Piloten so deutlich verbessern. Auch wenn nur Fragmente erfasst wurden, waren diese Daten von enormen Wert. Es wurden Ausbildung und Selektionsprofil der Piloten verändert, Cockpitausstattungen und Dienstanweisungen.
In der weiteren Folge etablierten sich Systeme zur anonymen Erfassung von Zwischenfällen (critical incidents) in der Industrie, vor allem in der Luft- und Raumfahrtechnik und verzögert auch in der Medizin.
Insbesondere die Anästhesie erkannte frühzeitig die Parallelen von Piloten und Ärzten: Hoher Selektionsdruck bei Ausbildungsbeginn, hoher Ausbildungsstandard, hohe Verantwortung, hoch spezialisierte Arbeitsbereiche, Führungspositionen in Arbeitsgruppen, hohe Arbeitsbelastung, schnelle Bedrohung von Menschenleben bei nachlässiger Arbeitsweise, hoher Weiterbildungsbedarf und vieles mehr.
Die Diskussion um die Analyse und Vermeidung von Fehlern verlief anfangs dennoch schleppend. Die Position des Arztes in der Gesellschaft verlangte lange kaum - ja verhinderte fast - eine kritische Selbstreflexion. Zu hoch der Berufsethos, zu groß die Standesblamage, wenn Fehler eingestanden würden.
Dass dennoch 1990 einige wichtige Arbeiten aus den Bereichen Anästhesie und Intensivmedizin zur Weiterentwicklung von Meldesystemen kritischer Zwischenfälle beitrugen, mag daran liegen, dass Fehler in diesen Fachbereichen schnell dramatische Konsequenzen haben können.
Vor 20 Jahren kam ein Todesfall auf 15.000 Narkosen, heute ist es noch einer auf 200.000. Risikomanagement mittels Critical Incident Reporting System (CIRS) und entsprechend veränderte Leitlinien haben wesentlich dazu beigetragen.
Danach erkannten auch chirurgische Fächer, Pädiatrie und Psychiatrie die Vorteile des Meldesystems. Mittlerweile gibt es lokale CIRS an fast jedem zehnten Krankenhaus, viele fachspezifische CIRS sowie ergänzend bundesweite Patienten-Sicherheits-Informationssysteme (siehe Literatur und Links).
Auch das CIRS selbst entwickelt sich weiter. Aufbau und Bedienung sind besser und benutzerfreundlicher geworden, es gibt Rückmeldungen an die Mitarbeiter, fachliche Kommentare für mehr Lernerfolg und Motivation zur Nutzung, publizistische Verbreitung und Verbesserungen in der Datenanalyse. Das Ausfüllen der notfallmedizinischen Meldeseite erfolgt überwiegend durch Mausklick und kostet heute kaum 15 Minuten Zeit.