Medicus
Herr Prof. Hoppe, hat sich das Ansehen der Ärzte in der Öffentlichkeit verschlechtert? Haben vor allem die Streiks einen Imagewandel ausgelöst?
Prof. Dr. med. Hoppe
Ärzte haben ein sehr hohes Ansehen in der Bevölkerung. In der Prestigeskala der Berufe rangieren sie seit Jahrzehnten auf Platz eins. Daran hat sich nichts geändert. Insofern würde ich nicht davon sprechen, dass es einen Imagewandel gibt. Wenn damit allerdings gemeint ist, dass die Arbeit der Ärztinnen und Ärzte durch politische Kampagnen diskreditiert werden soll, stimme ich zu. Wir beobachten das ja schon seit Jahren. Den Ärzten wird pauschal unterstellt, sie würden zu viel verordnen und die Qualität ihrer Arbeit ließe zu wünschen übrig. Das lief eine Zeit lang unter dem Stichwort „Über-, Unter- und Fehlversorgung". Diese Schieflage in der Diskussion ist allerdings durch die Ärzteproteste der vergangenen Jahre gerade behoben worden. Die Zustimmung für die Proteste war enorm. Die Raten in der Bevölkerung lagen zwischen 70 und 80 Prozent. Die Menschen haben verstanden, dass nicht die Ärzte Schuld an der zunehmenden Rationierung sind. Es wird anerkannt, dass wir häufig über unsere Belastungsgrenzen hinaus für eine gute Versorgung der Patienten eintreten.
Medicus
Muss man bei der Frage des Arztbildes in der Öffentlichkeit nicht zwischen „dem“ Arzt und der Ärzteschaft, zwischen Haus-, Fach- und Klinikärzten und dem Bild des Arztberufes unterscheiden?
Prof. Dr. med. Hoppe
Nein, seitdem die Öffentlichkeit davon Kenntnis genommen hat, unter welch schwierigen Bedingungen Ärzte häufig arbeiten müssen, ist diese Unterscheidung hinfällig. Das gilt für alle Bereiche der Versorgung. Erst in den letzten Jahren ist ins öffentliche Bewusstsein gerückt, dass Ärzte unbezahlte Überstunden in Millionenhöhe leisten, häufig 60 Stunden und mehr in der Woche arbeiten und dann auch noch mit Bürokratie erschlagen werden.
Medicus
Der ökonomische Druck gilt als Dreh- und Angelpunkt für viele Probleme. Darf die Vergütungssituation vertragsärztlicher Leistungen so das Arztbild prägen?
Prof. Dr. med. Hoppe
Wir müssen darauf achten, dass der ökonomische Druck nicht das Arztbild prägt. Politiker möchten uns zu Rationierungsassistenten degradieren und gar mancher Krankenhausmanager sieht uns als Erfüllungsgehilfe einer Fließbandmedizin. Dagegen müssen wir uns mit aller Kraft wehren. Wir kämpfen für den Erhalt der ärztlichen Unabhängigkeit und Freiberuflichkeit. Und wir wollen verhindern, dass immer mehr junge Ärzte aus Frust über die Arbeitsbedingungen in Deutschland der kurativen Medizin den Rücken zuwenden oder direkt ins Ausland gehen.
Medicus
Lässt die Gesundheitsreform vom April 2007 auf Besserung hoffen? Was ist kurzfristig zu erwarten und was sind Ihre Ziele und Vorstellungen?
Prof. Dr. med. Hoppe
Wir Ärztinnen und Ärzte stehen in der täglichen Praxis vor den ganz konkreten Folgen der Gesundheitspolitik, nämlich der Rationierung in ihren vielfältigen Erscheinungsformen. Die statistische Rationierung ist gleichsam das verborgene Prinzip, mit dem die Beitragssatzstabilität erkauft worden ist. Im ärztlichen Alltag aber lässt sich Rationierung nicht mehr verbergen. Da steht der Arzt ganz allein in seiner Erklärungsnot. Deshalb fordern wir die finanziellen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen so zu gestalten, dass wir unsere Patienten nach dem aktuellen Stand der Medizin mit dem Notwendigen versorgen können.
Medicus
Ist das objektiv für alle finanzierbar?
Prof. Dr. med. Hoppe
Die Frage muss lauten: Wie kann die Versorgung der Patienten dauerhaft sichergestellt werden? Danach muss sich die Finanzierung ausrichten. Die Politik hat auch bei der jüngsten Reform keine nachhaltige Finanzierung des Gesundheitswesens in Angriff genommen. Sie fürchtet die Diskussion, weil sich dann die Ressourcenfrage stellt. Wir hatten ja gehofft, dass die große Koalition dazu in der Lage sein könnte, diese Diskussion in der Gesellschaft zu führen. Doch eine Koalition der Vernunft ist in der Gesundheitspolitik leider nicht zustande gekommen.
Medicus
Kann man als niedergelassener Arzt überhaupt auf eine politische Lösung warten? Was kann man in der Praxis unabhängig davon verwirklichen, um das Image wieder zu verbessern und um selbst wieder zu mehr Berufszufriedenheit zu finden?
Prof. Dr. med. Hoppe
Wir sind hier seit dem letzten Ärztetag auf einem guten Weg, die Menschen umfassend über die Konsequenzen der verfehlten Gesundheitspolitik zu informieren. Und da werden wir uns auch in Zukunft aller modernen medialen Möglichkeiten bedienen, die uns zur Verfügung stehen.