Dr. Harald Bernard Jurkat ist Diplom-Psychologe an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und hat dort erstmals in Deutschland erreicht, dass das Thema „Lebensqualität und Psychohygiene im Arztberuf“ in das Medizinstudium integriert wird. Eine Initiative, die auf Nachahmung hofft.
Medicus: Herr Dr. Jurkat, Ihre Forschung beschreibt die psychische Belastung im Arztberuf. Wo sehen Sie hier die besondere Problematik?Dr. Jurkat: Das Problem ist zunächst die hohe Arbeitsbelastung, mit durchschnittlich 55 Stunden pro Woche und mehr. Schließlich der große Zeitdruck, unter dem zahlreiche Patientenkontakte stattfinden, bei gleichzeitig hoher Verantwortung für Menschenleben. Und das schließt auch einen angemessenen Umgang mit Tod, Leiden und Sterben mit ein. Diese Aspekte gehen dem behandelnden Arzt persönlich als Mensch nahe und bedürfen daher einer ausreichenden Zeit zur Aufarbeitung, die jedoch meistens fehlt; entweder wegen der hohen beruflichen Arbeitsbelastung oder sie geht auf Kosten des Privatlebens. Zudem werden die meisten Ärzte nur unzureichend auf die Verarbeitung der emotionale Aspekte vorbereitet, die im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer auftreten. (Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie hierzu auch den Beitrag „Sterben und Tod" in der Rubrik „Arztberuf").
Erschwerend kommen ungünstige psychisch und körperlich belastende Arbeitsbedingungen hinzu. Darunter leiden vor allem jüngere Krankenhausärzte. Rufbereitschaft und häufig erhebliche Überstunden belasten aber auch Niedergelassene und Oberärzte. Das führt zu einer Störung des Biorhythmus. Des Weiteren wechseln die Arbeitsanforderungen an den Arzt in extremer Weise und dies zum einen inhaltlich und zum anderen zeitlich. Inhaltlich erfolgt ein Wechsel zwischen Patientenkontakten einerseits und zunehmender Dokumentationsanforderung andererseits. Einerseits existiert ein starker Zeitdruck, andererseits wechseln die Zeitpunkte des Arbeitseinsatzes häufig, was zur Belastung des Privatlebens und der Partnerschaft führen kann.
Dabei werden an den Arzt gleichzeitig hohe Erwartungen in ethischer Hinsicht gestellt. Ein Mediziner soll jedem helfen, der Hilfe benötigt, und das 24 Stunden am Tag. Die hohe physische und psychische Belastung, die daraus resultiert, wird psychologisch von außen aber inadäquat und inkonsistent unterstützt. Dabei sieht sich der Arzt parallel zu den hohen ethischen Anforderungen jahrelang mit der Endlichkeit ärztlichen Handelns konfrontiert, zum Beispiel bei chronischen Krankheitsverläufen oder bei dem Tod eines Patienten.
Um den überhöhten Erwartungen und dem gesellschaftlichen Image gerecht zu werden, wird deshalb häufig das Privatleben vernachlässigt. Wir haben in unseren Untersuchungen aber empirisch feststellen können, dass ein angemessenes Privatleben von hoher Bedeutung ist, um die psychischen Belastungen im Arztberuf angemessen bewältigen zu können.
Medicus: Ist denn grundsätzlich jeder Arzt gefährdet oder gibt es Persönlichkeitsstrukturen, die prädisponiert erscheinen, durch diese spezifischen Belastungen zu erkranken?Dr. Jurkat: Vulnerabilität für psychische Beeinträchtigungen ist individuell unterschiedlich, jedoch ist davon auszugehen, dass die berufsimmanenten Belastungen der Mediziner im Allgemeinen gravierend sind und somit die psychischen Beeinträchtigungen bedingen. Es wird in der Literatur diskutiert, dass jene, die den Arztberuf wählen, möglicherweise spezielle Persönlichkeitseigenschaften haben, wie erhöhte Neurotizismuswerte, zwanghafte Persönlichkeitszüge oder Persönlichkeitsstörungen und mehr. Empirische Befunde, die diese Vermutungen ausreichend belegen, fehlen allerdings. Unsere Untersuchungen weisen eher darauf hin, dass diese Aussagen nicht überbetont werden sollten und schon gar nicht als Regelfall für Mediziner gesehen werden dürfen. Ursächlich für psychische Beeinträchtigungen sind eher mangelnde Ressourcen in Verbindung mit schwachem privaten Rückhalt zu sehen. So entsteht ein Teufelskreis, der mit extrem hohen Arbeitszeiten und dadurch zu geringer Zeit für privaten Ausgleich aufrecht erhalten wird.
Medicus: Sie bieten an der Universität Gießen für Medizinstudenten entsprechende Kurse zur Prävention an. Was wollen Sie den jungen Ärzten mit auf den Weg geben?Dr. Jurkat: Für alle Medizinstudenten werden im Rahmen des Pflichtpraktikums der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie Arbeitsbelastung, Lebensqualität und Präventionsmöglichkeiten im Arztberuf thematisiert. Gruppendiskussionen zielen zusätzlich auf aktives Lernen ab. Dabei geht es um Stressbewältigung, mit Benennung und Präzisierung von Faktoren, die beeinträchtigend beziehungsweise förderlich für die eigene Lebensqualität und die Gesundheit sind.
Im Kurs werden ferner Bereiche aufgeführt und belegt, in denen Ärzte psychisch gefährdet sind. Wir bieten Überlegungen zur Prävention an und ergänzen dies durch einschlägige, aktuelle Forschungsergebnisse aus Projekten, die ich gemeinsam mit Herrn Prof. Dr. Reimer hier an der Uni Gießen zur übergreifenden Thematik leite. Schwerpunkte sind Lebensqualität und Präventionsmöglichkeiten von Überlastungen in Heilberufen, mit Fokus auf dem Arztberuf. Für Fortgeschrittene wird ergänzend regelmäßig ein spezielles, vertiefendes Seminar zur Gesundheitsförderung, Prävention und Stressbewältigung angeboten.
Medicus: Gibt es solche Angebote auch an anderen Universitäten in Deutschland?Dr. Jurkat: Überlegungen, dies ebenfalls zu implementieren, sind an einigen Universitäten im Gespräch und es existieren Pläne, solche Angebote bereits in vorklinische Veranstaltungen der Medizinischen Psychologie und Soziologie zu integrieren. Diese Planungen befinden sich meines Wissens nach allerdings noch nicht auf einer so konkreten Ebene wie an der Universität Gießen.
Medicus: Welche Möglichkeiten hat der berufstätige Arzt heute konkret, sich psychisch zu entlasten? Spezielle Kurs- oder Seminarangebote sind schwer aufzufinden.Dr. Jurkat: Neben allgemein zugänglichen Angeboten zur Stressbewältigung, Kommunikation oder Persönlichkeitsentwicklung stehen speziell nur Qualitätszirkel für Niedergelassene und Balintgruppen zur Verfügung. In Balintgruppen erhält der Arzt Unterstützung zum Umgang mit Patienten und Qualitätszirkel für niedergelassene Ärzte beugen Vereinzelung vor.
Ansonsten empfehle ich zum Ausgleich, auf ausreichende Bewegung zu achten, auf ein angemessenes Stressbewältigungsverhalten, auf eine angemessene Problem- und Konfliktverarbeitung und auf ein angemessenes Privatleben. Dies setzt aber voraus, sich für Selbstwahrnehmung und Selbstexploration Zeit zu nehmen und es verlangt, dass man auch auf eine gesunde Lebensführung achtet, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Durch übermäßig lange Arbeitszeiten werden aber selbst Aspekte zu einer angemessenen Ernährung trotz besserem Wissen oft vernachlässigt.
Außerdem sollte ein Arzt nicht nur darauf achten, den Patienten gegenüber freundlich und zugewandt zu bleiben. Er muss, im Sinne der eigenen Psychohygiene, auch eine angemessene Grenzziehung zwischen Beruf und Freizeit vornehmen. Ein gutes soziales Netz ist dafür wichtig.
Medicus: Halten Sie eine psychotherapeutische Begleitung von Ärzten generell für sinnvoll?Dr. Jurkat: Generell sofort an eine Verhaltenstherapie oder an eine andere psychotherapeutische Intervention zu denken, wäre nicht nur zu pathologisierend, es entspricht auch nicht einer angemessenen Stressbewältigung am Arbeitsplatz.
Wenn statt dessen frühzeitig auf Prävention geachtet wird, ist zu hoffen, dass therapiebedürftige Störungen seltener auftreten. Letztendlich ist das auch förderlich für eine gute Arzt-Patienten-Beziehung. Die profitiert schließlich von einer verbesserten inneren Selbstwahrnehmung des Arztes in Verbindung mit einer frühzeitigen Reaktion auf innere Signale. So ist beispielsweise die Entstehung einer Depression aufgrund einer Burnout-Symptomatik für Ärzte, die regelmäßig auf eigene Lebenszufriedenheit achten, weniger wahrscheinlich, als für solche, die erst bei schweren Symptomen reagieren. Vielen fällt es als Arzt aber schwer, innere Barrieren zu überwinden und die eigene Hilfsbedürftigkeit zu erkennen. So wird Hilfe oft zu spät aufgesucht oder Therapien werden selbst frühzeitig abgebrochen. Auch haben behandelnde Ärzte häufig selber Probleme und sind bei der Therapie von Kollegen befangen.
Medicus: Sie erwähnten, dass die neue Approbationsordnung die Gesundheitspflege bei Ärzten in die Pflicht genommen hat? Was bedeutet das konkret?Dr. Jurkat: Bislang gibt es leider kaum Möglichkeiten für eine angemessene Prävention, obwohl dies nicht nur im Sinne der Ärzteschaft, sondern auch für den Patienten wertvoll wäre. Dies ist institutionell abhängig. Das neue Querschnittsfach Prävention/Gesundheitsförderung ist erst seit kurzem ein Pflichtfach in der neuen AO und als ein erster Schritt in der Ausbildung von Medizinstudenten zu sehen.
Medicus: Vielen Dank Herr Dr. Jurkat!
Weiterführende Informationen liefert Dr. Jurkat auch unter
www.drjurkat.de.