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Interview mit Dr. med. Katja Scholtes, Leiterin der Notaufnahme des Klinikums Hanau
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14. März 2008
„Immer mehr Menschen können ihren Alltag nicht bewältigen“

Medicus
Etwa jeder achte Notarzteinsatz gilt einem psychiatrischen Notfall. Sind das für Sie Einsätze wie alle anderen auch?

Dr. med. Katja Scholtes
Grundsätzlich sind wir natürlich dafür da, Menschen in allen Arten von lebensbedrohenden Krisen zu helfen. Es gibt aber doch Kollegen, die solche Einsätze nicht so gerne fahren. Das hat auch mit der Ausbildung zu tun: 78 Prozent der Notärzte meinen, dass sie für psychiatrische Notfälle nicht ausreichend ausgebildet sind - das hat eine Befragung ergeben. In der Tat sind im Rahmen der Ausbildung „Arzt im Rettungsdienst“ gerade einmal 90 Minuten für diese nicht gerade seltenen Notfälle vorgesehen. Ich trete schon lange dafür ein, das zu verbessern. Zum Beispiel sollten Notärzte verpflichtend wenigstens zehn Falldiagnosen in der Psychiatrie absolvieren. 

Medicus
Mit welchen Fällen werden Sie als Notärztin konfrontiert?

Dr. med. Katja Scholtes
Etwa ein Drittel sind Vergiftungen mit Alkohol, Medikamenten oder illegalen Drogen. Abgesehen davon bekommen wir die ganze Palette psychiatrischer Erkrankungen zu sehen: Psychosen, Depression und Manie, Entzugssyndrome, Suizidversuche. Ein Viertel der Fälle betrifft so genannte „psychische Erregungszustände“. Ich nenne sie lieber psychosoziale Krisen: Menschen, die mit einer Trennung nicht fertig werden, zittern und kaum ansprechbar sind; die lange anhaltende Arbeitslosigkeit, die jemanden scheinbar urplötzlich ausrasten lässt, und vieles mehr. 

Hier spiegelt sich die Entwicklung unserer Gesellschaft wider: Die Anforderungen an den Einzelnen werden immer höher, das soziale Klima wird rauer, die Geschwindigkeit und die Überflutung mit Reizen nehmen ständig zu. Leider kommen damit immer mehr Menschen nicht zurecht und schaffen es einfach nicht mehr, ihren Alltag zu bewältigen. Wir sehen das zum Beispiel am Zustand mancher Wohnungen. Wenn sich dort der Müll türmt, ist das nur das äußere Zeichen für eine innere Zerrissenheit. Die zeigt sich dann an der Angst des Patienten, am plötzlichen Ausrasten oder der tiefen Depression.

Medicus
Was können Sie als Notärztin in einem solchen Fall ausrichten?

Dr. med. Katja Scholtes
Ich muss zunächst versuchen, mir ein eigenes Bild zu machen – also den Patienten selbst zu sehen und die Anliegen von Angehörigen oder Polizisten erst einmal hintanzustellen. Dabei geht es darum, einen Kontakt von Mensch zu Mensch aufzubauen. Ich ziehe da auch mal meine rote Notarztjacke aus und suche möglichst das Gespräch unter vier Augen mit dem Patienten. Oft gelingt es dann schon in kurzer Zeit, ihn so weit „herunterzufahren“, dass er selbst eine gewisse Distanz zu dem Vorgefallenen einnehmen kann. Es geht also um eine emotionale Stabilisierung, soweit das in dieser Situation möglich ist. 

Dann gilt es zu entscheiden, ob der Patient stabil genug ist, um zu Hause zu bleiben oder ob wir uns auf eine stationäre Behandlung verständigen, um den Patienten erst einmal aus dem belastenden Kontext herauszuholen – in der Regel geschieht das übrigens einvernehmlich. Diese erste präklinische Basiskrisenintervention sollte vom Notarzt beherrscht werden. Persönliche Voraussetzung ist eine „distanzierte Empathie“, wie ich das nenne.

Medicus
Und wenn Sie den Patienten so nicht erreichen?

Dr. med. Katja Scholtes
Das gibt es natürlich – nicht jeder Mensch kommt mit mir zurecht. Dann kann vielleicht ein Rettungssanitäter diese Aufgabe übernehmen. Manchmal wäre es gut, wir könnten ein „Kriseninterventionsteam“ rufen, wie es in einigen Städten existiert und das aus speziell geschulten Fachleuten besteht. Immerhin haben wir die Möglichkeit, einen Seelsorger dazu zu holen. 

Medikamente sind bei einer psychosozialen Krise nur selten erforderlich. Bei psychotischen Angstzuständen kann es jedoch sinnvoll sein, Benzodiazepine zu verabreichen. Ganz anders liegt der Fall, wenn der Patient suizidale Absichten äußert oder fremdgefährdend ist. Dann stellen wir das ärztliche Zeugnis aus, das Voraussetzung für die richterlich angeordnete Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus ist. Auch dort ist das Ziel, den Patienten soweit zu stabilisieren, dass eine längerfristige Psychotherapie möglich wird. Da wir hier die Freiheit des Patienten vorübergehend beschneiden müssen, ist es ebenfalls ganz wichtig, sich ein eigenes Bild zu machen und sich nicht von außen beeinflussen zu lassen.

Medicus
Nicht nur bei diesen Einsätzen erleben Sie häufig belastende Situationen – gibt es für Notärzte eine Supervision, um damit besser fertig zu werden?

Dr. med. Katja Scholtes
Leider nicht, dafür ist kein Geld da. Ich bedaure das umso mehr, als ich selbst ausgebildete Supervisorin bin. Bei der Aachener Feuerwehr gab es eine „peer group“ von Kollegen, die sich gegenseitig unterstützt haben. Und auch für uns stand ein Seelsorger zur Verfügung, an den wir uns in Krisensituationen wenden konnten. Ich würde mir aber wünschen, dass für Notärzte und Rettungskräfte eine professionelles Supervisionssystem geschaffen wird.



Psychiatrische Notfälle
Interview mit Dr. med. Katja Scholtes, Leiterin der Notaufnahme des Klinikums Hanau
Zwangseinweisung
Zeitaufwand für psychiatrische Notfälle
Medikamente bei psychiatrischen Notfällen
Das Messie-Syndrom
Literatur und Links
Autor
(Podcast) Interview mit Dr. Michael Welschehold - Oberarzt am Atriumhaus des Isar-Amper-Klinikums und ärztlicher Leiter des Krisendienstes Psychiatrie München


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