In der medialen Berichterstattung über das Gesundheitswesen häufen sich Meldungen über knapper werdende Ressourcen, überlastete Ärzte, benachteiligte Kassenpatienten, Ärztemangel, Behandlungsdefizite und Skandale. Doch trotz der aktuellen Umstrittenheit des Systems erfreuen sich Arzt- und Krankenhausserien im Fernsehen nach wie vor großer Beliebtheit. Die Doktoren der alten und neuen „Schwarzwaldklinik" und der vertrauenswürdige Landarzt aus der gleichnamigen ZDF-Serie sind weiterhin quotenmäßige Spitzenreiter. Worauf basiert der anhaltende Erfolg? Welche (Patienten-)Träume werden hier erfüllt und welchen Einfluss hat das auf das Arztbild in der Bevölkerung?
Arztserien früher und heute
Die „Schwarzwaldklinik" ist die erfolgreichste deutsche TV-Serie und die Mutter aller deutschen Arztserien, mit zwei Neuauflagen ("Die nächste Generation" und "Neue Zeiten"). Der Höhepunkt der „TV-Ärzteschwemme“ war 1998. Hier wurde der Zuschauer täglich mit bis zu fünf Stunden von Fernsehärzten umsorgt. Den Vormittag konnte man mit „Schwarzwaldklinik“ und „Stadtklinik“ beginnen, am Nachmittag die US-Serie „Chicago Hope“ verfolgen und abends nacheinander mit „Geliebte Schwestern“, „Für alle Fälle Stefanie“ und „alphateam – Die Lebensretter im OP“ schließen.
Heute hat sich das Angebot insgesamt etwas ausgedünnt. Aber bis zu 20 Serienfolgen flimmern immer noch wöchentlich über den Bildschirm. Einige unverwüstliche Serien, wie der „Landarzt“ und die „Schwarzwaldklinik“, haben überlebt, dazwischen mischen sich Wiederholungen vom „Bergdoktor“, von „Emergency Room“ und „Für alle Fälle Stefanie“, und moderne Erweiterungen, wie Serien über Gerichtsmedizin („Medical Detectives“) und Schönheitschirurgen („Nip/Tuck – Schönheit hat ihren Preis“). Neu sind auch Mischungen von Themen und Genres, wie die Arztfamilienserie „Familie Dr. Kleist“ und „Everwood“. Insgesamt erscheint das Arztbild heute im TV ausdifferenzierter, mit „Tierärztin Dr. Mertens“ und „Frauenarzt Dr. Markus Merthin“, mit der „Kinderklinik“, der „Kurklinik Rosenau“ und der „Alpenklinik“. Für Auflockerung sorgen ergänzend Western („Dr. Quinn“), Comedy („Scrubs“) oder Krimi („M.E.T.R.O.“). Und Kultsendungen wie mit dem misanthropen „Dr. House“.
In der Medizindokumentation dominierten während der 60er Jahre Euphorie und Optimismus, getragen von spektakulären Erfolgen insbesondere in der Chirurgie. Mit dem Conterganprozess begann die Kritik an der Medizin zu wachsen. Mitte der 90er erreichte die „Jagd auf den Sündenbock Arzt" parallel zur gesundheitspolitischen Endwicklung ihren Höhepunkt. Ärzte wurden gern als geldgierig, satt und psychosozial inkompetent kritisiert. Talkshows diffamierten sie als Beutelschneider und Pfuscher.
Heute widmet sich die Berichterstattung mehr den Problemen des Berufsstandes und das Ansehen des Arztes scheint dadurch zunehmend rehabilitiert. Berichtet wird über überlange Arbeitszeiten und sinkende Einnahmen, Reformbemühungen, knappe Ressourcen, überlastete Ärzte, benachteiligte Kassenpatienten, Behandlungsdefizite, Ärztemangel und Klinikschließungen. Angesichts des öffentlichen und massenmedialen Interesses an Medizin ist zu erwarten, dass Arztserien und medizinische Berichterstattung auch weiterhin unverzichtbare TV-Genres bleiben.
Die Entwicklung des „Mythos Arzt“ in der Serienwelt
In Zeiten eines kriselnden Gesundheitssystems ist der „Mythos" vom selbstlosen Helfer und Heiler à la Schwarzwaldklinik auch im Fernsehen nicht mehr uneingeschränkt haltbar. Das Bild des TV-Arztes wird, wie in der Realität, von zwei gegenläufigen Entwicklungen bestimmt. Zum einen wird das Festhalten am Traditionellen durch Serien, wie „In aller Freundschaft" mit dem Helden in Weiß medial transportiert. Zum anderen zeigen Serienproduktionen wie „Emergency Room" überforderte Ärzte als Medizintechnokraten in einem wackeligen Gesundheitssystem. Der Arzt zeigt sich hier neuerdings auch niedergedrückt durch skandalöse Arbeitsumstände, erodierende Sozialsysteme und völlige Überlastung.
Eine solche Entmythologisierung ergibt sich notgedrungen aus dem öffentlichen Aufbegehren des Arztes. Die massiven Ärztestreiks der vergangenen Jahre haben den Mythos vom Arzt als charismatischen Heiler, der sich mit selbstlosem Einsatz den Kranken widmet, ins Wanken gebracht, wenn auch nicht gekippt. Vor allem junge Ärzte scheinen – im Bild der Öffentlichkeit – heute auch an guten Arbeitsbedingungen und guter Honorierung interessiert. Dennoch hat dieser moderne Arzttypus in der TV-Welt noch nicht dominant Einzug gehalten. Eine Inhaltsanalyse der wichtigsten Sendungen, so Elisabeth Hurth in ihrem aktuellen Buch „Mythos Arzt“, zeigt, dass noch immer sehr viele Sendungen das Bild des allmächtigen, einfühlsamen und kompetenten Übermenschen bedienen. Zwar werden zunehmend auch Fehler und Schwächen thematisiert. Insgesamt dominieren am Bildschirm aber nach wie vor Ärzte, die als Heroen des Alltags selbstlos die gesundheitlichen und privaten Probleme ihrer Patienten lösen.
Das Erfolgsrezept
Die Macht des Arztes über Körper und Seele fasziniert seit jeher in allen Kulturen und ist geradezu prädestiniert für die Unterhaltungswelt. Krankheit ist eine grundlegende und emotional sehr mitreißende Form menschlicher Probleme. Sie beginnt und endet. Sie ist spannend und mit Unsicherheit behaftet und sie braucht Personen, die einer einfachen Dramaturgie folgen: Menschen, die Opfer sind (Kranke) und Menschen, die durch deren Rettung zu Helden werden (Ärzte).
Die menschlichen Höhen und Tiefen rundherum, die daran haftenden Schicksale, Beziehungsprobleme, Hoffnungen und Offenbarungen auf beiden Seiten (Arzt und Patient) und auch verknüpfbare aktuelle gesundheits- und gesellschaftspolitische Probleme schlachtet die Medienwelt aus. In der Unterhaltung verschmilzt das Tabuthema Krankheit und Tod so mit Voyeurismus.
Dass der Zuschauer diese TV-Ärztewelt ertragen kann und sogar amüsant findet, zeigen die Einschaltquoten: 25 Millionen Zuschauer sahen die Schwarzwaldklinik bei der Erstausstrahlung. Die Remakes 2005 brachten es noch auf über 12 Millionen. Viele und besonders ältere Menschen finden hier eigene Schicksale wieder. Dr. Brinkmann und seine Nachfolger erfüllen die Sehnsucht nach dem menschlich einfühlsamen, allseits helfenden Arzt. Sie lassen Krankheit, Unheil und Schwäche zumindest für die Dauer einer Serienfolge vergessen. Dass die Kollegen im Fernsehen sich weder mit der täglichen Hektik in der Praxis auseinander setzen müssen, noch mit vollen Wartezimmern, Abrechnungspunkten oder mit KV- Briefwechsel, dass Fiktion und Wirklichkeit kaum weiter auseinander liegen können, bleibt den meisten Zuschauern dabei verborgen und vielleicht wollen sie es auch gar nicht sehen.
Die wertkonservative, moralisch instruierte Haltung des TV-Arzt und -Seelendoktors vermittelt Geborgenheit und spiegelt die Sehnsüchte und die hohen Erwartungen der Patienten in der Realität wider. Der Patient wünscht sich Fürsorge, Sicherheit, Vertrauen, Lebenshilfe und natürlich Heilung. Und mit zunehmender Erosion des Gesundheitssystems werden solche Sendungen zur Zuflucht.
Dass sich in diese heile Welt in den letzten Jahren vermehrt auch Serien wie „Emergency Room“ mit überforderten und frustrierten Ärzten oder sogar Arztkrimis und –soaps mischen, hat nicht nur etwas mit dem Unterhaltungswert zu tun. Vielmehr geht es um die Bindung jüngerer Zuschauer. Konservative Sendungen werden vor allem gern von der Generation 50-plus gesehen und hier vor allem von Frauen. „Eine zunehmend geriatrische Zusammensetzung. Eine Zielgruppe wie reines Zyankali“, beurteilte 1999 der Journalist Jörg Albrecht das Ergebnis der entsprechenden Umfrage. Für viele Sendungen brachte die Studie das Aus. Ein zu altes Publikum ist für die Werbeindustrie von geringem Interesse.
Amerikanische Serien, wie „Emergency Room“ stoßen insgesamt zwar auf eine geringere Resonanz als deutsche Eigenproduktionen, erreichen aber in hohem Maße das junge, werberelevante Publikum und sie profitieren letztlich vom derzeit zwiespältigen Ärztebild. Sat 1, Pro Sieben und RTL zeigen außerdem, wie populär und profitabel es sein kann, zur Primetime ausführliche Dokumentationen und Berichte aus OP, Schönheitschirurgie oder Kreissaal anzubieten. Wahrscheinlich werden sich vorerst alle drei mediale Inszenierungen weiterhin halten können – die romantisch Stilisierende, die modern Zwiespältige und die dokumentativ Voyeuristische.
Rückkoppelung auf das Ärztebild in der Bevölkerung
Mediziner-Verbände kritisieren, dass Ärzte vielfach mit zu hohen Erwartungen ihrer Patienten zu kämpfen hätten, die - so vermutet man - vor allem durch das Arztbild stilisierender Fernsehserien geprägt würden. Den traditionell heroischen Kollegen im Abendprogramm gelingt es schließlich, jeden Fall in 45 Minuten zu lösen.
So einfach scheint eine Schuldzuweisung jedoch nicht. Erstens können aktuelle Inhaltsanalysen der Arzt-TV-Darstellung die „Heile-Welt-Fernsehidylle“ nicht mehr bestätigen[1], auch wenn positiv traditionelle Arztdarstellungen weiterhin dominieren, zweitens ist das moderne Fernsehen mit dokumentatorischen Sendungen sehr aufklärend geworden - von Gesundheitspolitik, einschließlich der Situation der Ärzte, über Medizinwissenschaft und gesunde Ernährung bis zu den Risiken einer Brustvergrößerung. Das sollte dem Zuschauer helfen, sich abseits der Serienwelt ein eigenes Bild zu machen.
Positiver Imagetransfer dominiert
Ganz ohne Einfluss bleiben TV-Serien nachgewiesen nicht. Aus „kultivierungstheoretischer“ Perspektive ziehen Menschen je nach TV-Konsum einen Großteil ihrer Erfahrungen aus der Fernsehwelt und rekonstruieren daraus ihre Realität, wobei das Fernsehen so langfristig Weltbilder, Normen und Werte beeinflusst.
Studien bestätigen das. So bewerteten Patienten, die viel Krankenhausserien im Fernsehen verfolgen, in einer Untersuchung der Universität München Klinikärzte schlechter, nachdem sie sie „live“ erlebt hatten, als sie das noch kurz nach der Einweisung taten. Patienten, die wenig Krankenhausserien im Fernsehen verfolgten, beurteilten das medizinische Personal im Vergleich zum ersten Messpunkt dagegen abschließend positiver. Aber: Grundsätzlich fiel die Bewertung der Ärzte durch die Vielseher besser aus als durch die Wenigseher[2].
Die schlimmsten Befürchtungen, das Arztbild im Fernsehen gefährde das Arzt-Patienten-Verhältnis, konnten hier also zunächst zerstreut werden. Eher zutreffend scheint der desillusionierende Effekt: Kommen Vielseher ins Krankenhaus, bekommt das Arztbild einen Kratzer. Das Bild des Gesundheitswesens verschlechtert sich dadurch aber insgesamt nicht und der Vielseher bringt zum Arztbesuch hohes Vertrauen mit. Insgesamt überwiege der positive Einfluss, so das Resumee.
Unbeeinflusst bleibt das Arzt-Patienten-Verhältnis dennoch nicht. Glorifizierte Arztbilder des Fernsehens führen bei Konfrontation mit der Realität notgedrungen zu Frustrationen.
Negative Arztbilder schaden dem Vertrauen. Beide beeinflussen sowohl die Bewertung von medizinischem Personal und Ärzten als auch die Erwartungen an diese. Das zeigt eine Studie der Fachhochschule Fulda[3].
Patienten mit hohem TV-Ärzteserienkonsum empfanden hier die Zeit, die das Pflegepersonal der Klinik für ein Gespräch mit ihnen aufwendete, als nicht ausreichend. Wenigseher waren mit dem pflegerischen Aufwand dagegen zufrieden.
Studien aus „kultivierungstheoretischer“ Perspektive weisen insgesamt darauf hin, dass Patienten trotz Diskrepanz zur Realität mehrheitlich an dem positiv fiktiven Ärztebild der Serienwelt festhalten, so Elisabeth Hurth in ihrem Buch. Sowohl die Münchener als auch die Fuldaer Studie gehen davon aus, dass der Einfluss von Arztserien auf die öffentliche Meinung dabei größer ist, als die von Features, Dokumentationen oder Diskussionsrunden.
Allerdings bleibt anzumerken, dass es hier keine einfachen Ursache-Wirkung-Zusammenhänge gibt. Eine Untersuchung des College Sutherland5 ergab, dass die Wirkung von Arztserien nicht zuletzt von der Persönlichkeit und deren Voraussetzungen abhängt. Fernsehzuschauer mit medizinischen Vorkenntnissen bevorzugen eher informative und differenzierte Fachbeiträge, Zuschauer ohne Vorkenntnisse sind dagegen offener für fiktionale Formate und emotionalisierende Beiträge.
Die Medienrealität, die sich aus Inhaltsanalysen ergibt, entspricht somit nicht unbedingt der Medienrealität der Zuschauer. Überlegungen zu den Wirkungsmöglichkeiten des Genres Arztserie sind damit extrem schwer zu verallgemeinern. Arztserien haben sicher Wirkung. Welche, hängt aber wohl eher vom Zuschauer (Alter, Bildung) und seiner Situation als von der Serienwelt und ihren Inhalten ab, und je mehr die mediale Wirklichkeit an die Stelle der Realität rückt (quantitativer Konsum), desto größer scheint die Illusionsbildung.
Und nach der Agenda-Setting-Forschung sind die Wirkmöglichkeiten der Arztserien noch in einem anderen Aspekt zu relativieren. Danach bestimmt das Fernsehen nicht unbedingt das, was Menschen denken, es hat aber einen nicht zu unterschätzenden Einfluss darauf, worüber sich Menschen Gedanken machen. So berichtete das „British Medical Journal" in den Wochen nach der Ausstrahlung einer Episode des BBC-Krankenhausdramas „Casuality", in der ein Patient versucht hatte, sich mit einer Überdosis Paracetamol das Leben zu nehmen, dass sich die Zahl der Patienten mit Medikamentenüberdosis um etwa ein Fünftel erhöht hat6. Ähnliches lässt sich in der deutschen Fernsehlandschaft beobachten: Nach Sendungen mit Dr. Kühnemann füllen sich verstärkt Wartezimmer mit Patienten, die glauben, an einer von der TV-Ärztin am Vortag besprochenen Krankheit zu leiden.
[1] S. Igersky, N. Schmacke: Und wo bleiben die Patienten...? Eine Analyse von Arzt- und Krankenhausserien im Deutschen Fernsehen. In D. Jazbinsek (hrsg.), Gesundheitskommunikation. Wiesbaden 2000, 143; Rossmann, Die heile Welt des Fernsehens, 29-30.
[2] Rossmann: Die heile Welt des Fernsehens, 66-78 und 145-149,157 (2002). Eine Studie der Universität München, Institut für Kommunikationswissenschaft.
[3] K. Witzel et al. : Dr. Stefan Frank hätte sich mehr Zeit genommen...Einfluss von Fernsehsendungen auf die Erwartungshaltung von Patienten im Krankenhaus. Deutsches Ärzteblatt 45 (2003), A 2933-2934.
[4] Hurth, Elisabeth: Mythos Arzt. Driesen Verlag (2007)
[5] College Sutherland. Untersuchung von 2005/2006. Vergl. www.college-sutherland.de
[6] Vergl. www.zdf.de, „Bildungsfernsehen“