Medicus: Herr Dr. Schenkel, Sie leiten das Projekt TEMPiS, bei dem mehrere kleinere Kliniken mit den großen Schlaganfallzentren verknüpft sind, um die Versorgung der Patienten vor allem über Telekonsile zu verbessern. Welche Patienten profitieren besonders?
Dr. med. Schenkel: Alle Patienten profitierten, die innerhalb des Netzwerks behandelt wurden. Sowohl nach drei Monaten als auch nach einem Jahr wiesen Patienten, die durch TEMPiS betreut wurden, weniger Behinderungen auf als Patienten außerhalb des Netzwerks. Dies haben wir in einer großen Outcome-Studie dargelegt. Diese Untersuchung ist abgeschlossen, doch TEMPiS läuft im Regelbetrieb weiter.
Medicus: Sind auch niedergelassene Ärzte in TEMPiS eingebunden?
Dr. med. Schenkel: Die niedergelassenen Neurologen in der Nähe der Kooperationskliniken sind in die Arbeit integriert. Sehr viele der Patienten, die von uns telemedizinisch betreut werden, werden von niedergelassenen Kollegen nachuntersucht. Das empfehlen wir und das wünschen sich auch die Patienten.
Medicus: Wie sieht die Zusammenarbeit mit einer Kooperationsklinik aus?
Dr. med. Schenkel: In unserer Klinik ist ein Schlaganfallneurologe tätig, der ausschließlich für die Telekonsultation zuständig ist. Kommt ein Patient in eine unserer Kooperationskliniken mit Verdacht auf einen Schlaganfall, so wird der Fall zunächst telefonisch erörtert. Liegt dann eine CT-Aufnahme des Patienten vor, so begutachtet sie der telemedizinisch tätige Schlaganfallexperte und untersucht anschließend den Patienten per Videokonsultation mit Hilfe eines Arztes vor Ort. Per Videokonferenz wird der Fall diskutiert und das weitere Procedere entschieden.
Medicus: Wie ist die rechtliche Situation? Wie sind Fragen der Haftung bei TEMPiS geregelt?
Dr. med. Schenkel: Das ist ein wichtiger Punkt, denn das ist ja noch Neuland. Wir haben diese Fragen im Vorfeld von TEMPiS durch Gutachten klären lassen. Die Hauptverantwortung liegt beim Präsenzarzt. Der telemedizinisch tätige Neurologe fungiert als Konsiliararzt, der für seinen Bereich die Mitverantwortung trägt. Die telemedizinisch tätigen Ärzte haben auch geklärt, dass ihre Tätigkeit in ihre Haftpflichtversicherung eingeschlossen ist.
Medicus: Wie können telemedizinische Leistungen außerhalb von Projekten abgerechnet werden? Gibt es dafür schon Regelungen?
Dr. med. Schenkel: TEMPiS wurde während der Projektphase über eine Anschubfinanzierung des Freistaats Bayern gefördert. Jetzt im Regelbetrieb bezahlen unsere Kooperationskliniken eine Pauschale an uns, um die telemedizinische Leistung zu vergüten. Diese Kliniken erhalten jedoch von den Krankenkassen eine Sondervergütung pro behandelten Patienten. Für die Krankenversicherer ist es deutlich günstiger, eine telemedizinische Betreuung wie bei TEMPiS zu bezahlen als weitere Stroke-Units in dünn besiedelten Gebieten einzurichten. Wir arbeiten derzeit auch an einem Konzept, wie man telemedizinische Leistungen als DRGs abbilden kann.
Medicus: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Telemedizin? In welchen Bereichen, in welchen medizinischen Disziplinen wird es Fortschritte geben?
Dr. med. Schenkel: Zurzeit liegt das Thema „Telemedizin“ im Trend. Es wird viel berichtet, viel besprochen, doch meines Erachtens in der klinischen Anwendung weltweit bis jetzt sehr wenig realisiert. Für sehr sinnvoll halte ich die Telemedizin in einigen Bereichen. In der Schlaganfalltherapie kann man über Telemedizin noch viel verbessern. Weitere Fortschritte wird es beispielsweise in der Teleradiologie und Telepathologie geben. Auch in der Telerehabilitation sehe ich gute Einsatzmöglichkeiten, wie sie in anderen Ländern wie Kroatien schon praktiziert werden.
Medicus: Wie können sich Ärzte über die Möglichkeiten telemedizinischer Anwendungen informieren?
Dr. med. Schenkel: Das Thema „Schlaganfall und Telemedizin“ wird auf unserer Homepage (www.tempis.de) ausführlich dargestellt. Allgemein über Telemedizin informiert der Telemedizinführer Deutschland sowie die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin, über die man auch lokale Projekte finden kann.
Medicus: Was raten Sie Ihren niedergelassenen Kollegen, die planen, telemedizinische Anwendungen in ihre Praxis zu integrieren?
Dr. med. Schenkel: Nach unseren Erfahrungen ist es wichtig, in ein offenes System zu investieren, so dass die Plattform erweiterbar ist und technologische Neuerungen integriert werden können. Auch hat sich bei uns gezeigt, dass kleine und mittelgroße Unternehmen besser auf individuelle Anforderungen eines Projekts eingehen als große europaweit operierende Firmen. Das halte ich für wichtig, denn Telemedizin wird auch in absehbarer Zeit noch ein Pionierfeld bleiben.